Tiefe Trauer und Unverständnis über Gewalttat im Landkreis Kusel

Mittwoch, 02 Februar 2022 08:40 geschrieben von Matthias Böhl
Auch im Landkreis Waldeck-Frankenberg sind "unsere" Polizisten Tag und Nacht im Einsatz. Auch im Landkreis Waldeck-Frankenberg sind "unsere" Polizisten Tag und Nacht im Einsatz. Foto: 112-magazin

KUSEL/WALDECK-FRANKENBERG. Nach dem schrecklichen Verbrechen an zwei Polizeibeamten, die während ihres Dienstes im Landkreis Kusel getötet worden sind, fehlten mir zunächst die Worte. Mit 24 und 29 Jahren hatten diese beiden Menschen ihr ganzes Leben erst vor sich.

Die jüngere Polizeibeamtin war nicht einmal fertig mit ihrer Ausbildung, da wurde ihr Traumberuf durch zwei verantwortungslose Leute mit dieser widerwärtigen Tat bereits beendet. Über Funk konnten die beiden Polizeibeamten zwar noch Hilfe bei ihren Kollegen anfordern, beide überlebten diese feige Tat jedoch nicht. Die junge Frau war bereits tot, als ihre Kollegen ihr zur Hilfe eilen wollten, der junge Mann starb bei Eintreffen des Rettungsdienstes. Beide wurden durch die Täter in den Kopf geschossen, mit einem Schrotgewehr und einer weiteren Jagdwaffe, die nach jedem Schuss neu geladen werden muss.

Bei Eintreffen des ersten zusätzlichen Streifenwagens waren die Täter bereits verschwunden und konnten glücklicherweise etwa 13 Stunden nach der Tat durch ein Spezialeinsatzkommando festgenommen werden. Der Einsatz fand nicht in einer Millionenstadt statt. Nicht an einem großen Containerhafen, einer Mainmetropole oder einem Ghetto, wie man es oft aus Fernsehkrimis kennt, oder es beim ersten Hinhören vermuten würde. Nein, dieser Einsatz fand in ländlichem, vielleicht dörflichen Umfeld statt. So wie die Gegend auch bei uns geprägt ist. Bernd Dickel, der ehemalige Wachleiter der Polizeiwache Bad Berleburg, hatte bei seiner Verabschiedung, als er von Martin Kroh abgelöst wurde, den anwesenden Journalisten gesagt: "Wir haben hier dieselben Einsätze wie in der Großstadt. Nur nicht so oft". Die Kollegen der Polizeiinspektion Kusel haben dies auf ganz schreckliche Art und Weise erfahren. Zwei liebe Menschen wurden durch eine völlig sinnlose Tat mitten aus ihrem Leben gerissen und hinterlassen neben Familien, Eltern und Freunden auch ganz tolle Kollegen. Direkte, bekannte Kollegen in ihrer Wache und den Nachbarwachen, aber überall sonst auch Kollegen, die sie nicht persönlich kannten. Und doch ist die Betroffenheit verständlicherweise sehr groß.

"Zwei aus der blauen Familie", war heute von einigen Polizeiwachen im Internet zu lesen. Die Polizeifamilie nicht nur in ganz Deutschland, sondern weltweit ist von dieser Tragödie betroffen und zutiefst verletzt worden.  Bei der Einstellung mancher Bürger zu diesem Verbrechen, beispielsweise dem Kommentator unter einer Anteilnahme der CDU Wilnsdorf, und leider auch vieler anderer, fehlen einem schlichtweg die Worte. Man weiß gar nicht, wie man darauf reagieren soll.  Der leitende Oberstaatsanwalt der Staatsanwaltschaft Kaiserslautern, Udo Gehring, brachte es auf den Punkt. Im Rahmen der Pressekonferenz für viele Film, Zeitungs-, Radio- und Bildjournalisten ergriff er vor der genauen Information über den Fall das Wort und richtete sich an alle Medienvertreter vor Ort und auch an alle, die nun in den Fernsehgeräten oder im Internet mitschauten und vor allem mithörten: „Wir arbeiten nach dem Legalitätsprinzip. Das heißt, wir können uns nicht aussuchen, womit wir uns befassen. Wir müssen die Gesetze durchsetzen, auch wenn das unangenehm und gefährlich ist". Weiter erklärte er: „Deshalb gilt mein größter Respekt allen Polizeibeamten und insbesondere den zwei getöteten Polizeibeamten. Bei der Staatsanwaltschaft sieht man, was die Polizei leistet. Man sieht es in den Akten, man sieht es in Verhandlungen und bei der Zusammenarbeit. Aber wir sehen es aus der Distanz, aus einer Retroperspektive. Bei der Polizei erlebe ich eine Kultur der Vernunft und Höflichkeit. Ich bringe das nicht zusammen mit dem blinden Hass, der ihnen oft entgegenschlägt. Ich gehe davon aus, dass dieser blinde Hass nicht durch die Polizeibeamten provoziert wird, sondern eine andere Ursache hat, die wir angehen müssen". Da ist es still im Raum. Eigentlich hätten alle dort anwesenden Journalisten dort aufstehen und applaudieren müssen. Dafür war allerdings der Anlass der Pressekonferenz zu schrecklich und es hätte sich in dieser Situation nicht gehört – gar keine Frage.

Trotzdem hat der leitende Oberstaatsanwalt Gehring mit jedem Wort recht. Es bleibt die Hoffnung, dass Menschen wie er es sein werden, die die Verhandlungen gegen die Täter dieses entsetzlichen Verbrechens führen und sie eine gerechte Strafe erhalten. Auch, wenn die beiden jungen Menschen dadurch nicht mehr zurückkommen. Wie muss es wohl sein für die Polizeibeamten, die nun weiterhin rausfahren. Die auch weiterhin für unsere Sicherheit sorgen. Rund um die Uhr und wie selbstverständlich. Und die leider wahrscheinlich auch weiterhin von vielen Bürgern beleidigt werden, weil sie ihrer Aufgabe nachgehen. Die oft in unheimliche Situationen kommen. Die wegen Rasenmähern, lauter Musik, falsch geparkter Autos, oder bellenden Hunden gerufen werden und angegangen werden, wenn sie dort nicht tätig werden können. Die aber auch gerade zwei Kollegen verloren haben, die vielleicht ihren Beruf jetzt infrage stellen, oder Bedenken haben. Die von ihren Familien nur noch ungern und mit mulmigem Gefühl zum Dienst gelassen werden. Die sich im Klaren darüber sind, dass dieses Verbrechen auch sie hätte treffen können und dass die Gewalt gegen Polizei und Einsatzkräfte immer mehr zunimmt. Wie muss es inzwischen für die Polizisten da draußen sein? Das können wir alle uns nicht vorstellen, weil wir ihren Weg noch nie gegangen sind und wahrscheinlich auch nicht gehen werden müssen. Wie Oberstaatsanwalt Udo Gehring es richtig sagte: "Wir sehen die Polizeiarbeit aus der Distanz, aus der Retroperspektive". Aber eines können wir doch sagen. Jedem Polizeibeamten, den wir irgendwann und irgendwo sehen: „Danke, gut, dass es Euch gibt". (Matthias Böhl)


Beamte im Landkreis Waldeck-Frankenberg mussten am 1. Februar 2022 ihre Dienstwaffen einsetzen, um einen Mann in Gemünden festnehmen zu können. 

Link: Ehemann tötet Frau mit Messer, Polizei setzt Dienstwaffe ein.

Letzte Änderung am Mittwoch, 02 Februar 2022 09:10

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