Alarmübung: Busunfall verlangt Rettern alles ab

Sonntag, 20. September 2026 13:40 geschrieben von  Matthias Böhl
Am Samstag übten Rettungsdienst und Feuerwehr den Massenanfall von Verletzten bei einem Busunfall in Bad Laasphe. Am Samstag übten Rettungsdienst und Feuerwehr den Massenanfall von Verletzten bei einem Busunfall in Bad Laasphe. Fotos: Matthias Böhl, 112-Magazin

BAD LAASPHE. "Ein Bus ist umgefallen. Auf der K41", Paul setzt einen Notruf ab. Gemeinsam mit 20 weiteren Fahrgästen war er in einem Bus vom Bad Laaspher Schloss in Richtung Saßmannshausen unterwegs. Pauls Mitfahrer schreien. Haben Angst und Schmerzen. Der Busfahrer ist hinter seinem Sitz eingeklemmt worden. Weitere Fahrgäste nehmen ihre Handys und holen Hilfe über 112. Für die Disponenten der Kreisleitstelle Siegen-Wittgenstein, die am anderen Ende der "112" sitzen, gibt es wichtige Fragen. "Brennt etwas?", "Wie viele Verletzte gibt es?", "Sind Menschen eingeklemmt?", "Sind weitere Fahrzeuge beteiligt und laufen Flüssigkeiten aus?". Die Anrufer versuchen, die Fragen zu beantworten. Stress. Ausnahmesituation. Schmerzen. Angst. Das macht es nicht leichter. Noch während die Notrufabfrage läuft, beginnen die ersten Alarmierungen. Die beiden Rettungswagen und der Notarzt aus Bad Laasphe fahren direkt zur Unglücksstelle. Auch die Feuerwehr aus Bad Laasphe. Sie sollen helfen, die Menschen aus dem verunfallten Bus zu befreien. Einige sind schon heraus geklettert. Laufen verletzt auf der Straße, oder sitzen in der Böschung. Als nach wenigen Minuten der erste Rettungswagen eintrifft, wird das Team sehnsüchtig erwartet. "Meine Familie liegt da drin. Bitte helfen Sie mir", "Die Frau hat wahnsinnige Schmerzen, da müssen Sie zuerst schauen". Doch das Team bleibt ruhig. Nimmt nur zwei kleine Taschen mit, Funkgeräte und eine weiße Weste. Damit wird jetzt kenntlich gemacht, dass das Team zuerst an der Einsatzstelle war und bis zum Eintreffen des Organisatorischen Leiters dessen Aufgaben übernimmt und für ihn später auch ansprechbar ist.

Sichtung der Verletzten

In der einen Tasche befinden sich Verletztenanhängekarten. Die bekommt jeder Patient, damit am Ende nachvollziehbar ist, wer in welches Krankenhaus gebracht wurde. Aufkleber mit Zahlencodes und eine entsprechende Handliste ermöglichen die lückenlose Erfassung. Verschieden wählbare Farben geben einen groben Aufschluss über die Verletzungen und die Priorität von Versorgung und Transport. Versorgungen oder Behandlungen führt das ersteintreffende Team nicht durch, um keine Zeitverzögerung für alle anderen Verletzten zu riskieren. Nur lebensrettende Sofortmaßnahmen. Dafür ist die zweite Tasche. Darin befinden sich Tourniquets, mit denen man lebensbedrohliche Blutungen durch Abbinden von Extremitäten stoppen kann. Oder Wendl-Tuben. Kleine, flexible Plastikschläuche zum Einschieben in die Nase, um dem Patienten bei Bedarf weiteres Atmen zu ermöglichen. Als kurze Zeit später der erste Notarzt vor Ort eintrifft, zieht auch eine weiße Weste an. Bis zum Eintreffen seines Kollegen ist er jetzt Leitender Notarzt vor Ort. Er trifft medizinische Entscheidungen. Wer bekommt welche Sichtungskategorie, wer muss schnell transportiert werden, wer hat noch Zeit und wen muss man vielleicht auch zugunsten anderer Verletzter unversorgt liegen lassen, weil seine Verletzungen zu schwer sind in dieser Situation. Das ist anders, als im alltäglichen Rettungseinsatz. Bei einer so großen Anzahl von Verletzten reicht die Versorgungskapazität zunächst nicht aus. Weitere Rettungskräfte treffen ein. Leichter verletzte Patienten werden von den Rettungskräften und der Feuerwehr aus dem Bus gehoben und sammeln sich neben einer Pferdekoppel. Dort werden sie von Feuerwehrleuten betreut. Die vielen weiteren Rettungswagen und Notärzte der Wittgensteiner und Siegerländer Wachen und die ehrenamtlichen DRK Helfer verschiedener Ortsvereine warten in einem Bereitstellungsraum unterhalb des Schlossbergs und werden nach Bedarf abgerufen. So bleibt Platz an der eigentlichen Einsatzstelle. Im umgekippten Bus beginnt nun auch die individuelle Versorgung. Die Feuerwehr befreit eingeklemmte Personen, Rettungsdienst und Notarzt stabilisieren die Patienten, um sie aus dem Bus zu bringen und weiter versorgen, oder nach Priorität abtransportieren zu lassen. An den so genannten Patientenablagen werden vom mittlerweile eingetroffenen Organisatorischen Leiter Rettungskräfte als Abschnittsleiter eingeteilt und entsprechend gekennzeichnet. Sie organisieren jetzt die Versorgung und Transporte von dort. Bereits eine halbe Stunde nach dem Alarm befindet sich niemand mehr im Bus. Die Rettungswagen aus Bad Laasphe, Bad Berleburg, Hilchenbach, Erndtebrück, oder Netphen führen bereits Transporte durch. Viele weitere Patienten werden entsprechend ihrer Priorität versorgt und der Transport geplant und vorbereitet. Hilfe bekommen die Einsatzkräfte nun vom Rettungsbus, der eigens aus Siegen angerückt ist. Hierin können Patienten betreut und abtransportiert werden, die nicht so schwer verletzt sind. Mit dem Bus schafft man es, eine große Anzahl Betroffener abzutransportieren, ohne dafür weitere Rettungsfahrzeuge zu binden, die woanders dringender gebraucht werden.

Erste Hilfe für die Seele

Notfallseelsorger treffen ein. Sie haben die wichtige und zugleich schwierige Aufgabe, gleich nach zwei Dingen zu schauen: Ob jemand der Betroffenen seelsorgerische Hilfe benötigt und auch, ob einer der Helfer Unterstützung braucht. Die Seelsorger kümmern sich um einen Mann, dessen Angehöriger bei dem Unglück sein Leben verloren hat. Sie sind ihm jetzt Halt und unterstützen ihn in dieser Ausnahmesituation. Durch Reden, durch Zuhören und manchmal auch nur durch ihre Anwesenheit. Sie achten darauf, dass Spätfolgen möglichst nicht auftreten und von Anfang an eine optimale Betreuung gewährleistet ist.

Realer Notfall vor Übungsbeginn

Am Ende zeigt Thomas Tremmel, Kreisbrandmeister des Kreises Siegen-Wittgenstein sich mit den Leistungen der Einsatzkräfte zufrieden. Die anspruchsvolle Einsatzübung am Samstagmorgen diente dazu, die Strukturen an einer derart dimensionierten Einsatzstelle zu trainieren. Ebenso war es wichtig die Zusammenarbeit zwischen Feuerwehr und Rettungsdienst zu üben und diesen Einsatz optimal abzuarbeiten. Nicht nur die Übung verlangte den Einsatzkräften, die übrigens vorher nichts von der Übung wussten, und Organisatoren alles ab. Leider kam es in den Übungsvorbereitungen zu einem tatsächlichen medizinischen Notfall, bei dem ein Mitglied der Darsteller von der DLRG Weidenau schwer erkrankte und mit dem Rettungshubschrauber abtransportiert werden musste. Danach stellte Thomas Tremmel es den Darstellern frei, ob die Übung wie geplant beginnen soll, oder abgesagt werden soll. Der Tenor der Darsteller war eindeutig: Es wäre im Sinne ihres Kameraden, das wie geplant durchzuführen. „Das gebe ein Donnerwetter von ihm, wenn wir das jetzt nicht mehr machen“.

Neustes 112-Video

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