"Da geht ein Stück Luftrettungsgeschichte"

Donnerstag, 31. März 2016 07:00 geschrieben von  Migration

SIEGEN-WITTGENSTEIN. "Da saßen wir im Unterrichtsraum und haben uns an den Zähnen rumgefummelt. Da habe ich gedacht: Mensch, Du könntest jetzt Hubschrauber fliegen! Das war nichts für mich". Nur vier Monate hatte Gerald König es ohne "seinen" Hubschrauber ausgehalten, da kam er zurück zur Fliegerei. Und das war in jungen Jahren. Angefangen hatte er damals als Zivildienstleistender beim Bundesgrenzschutz, der heutigen Bundespolizei. "Da stand einen Tag Hubschrauberfliegen auf dem Plan. Das hat mich so sehr fasziniert, dass ich mich beim Bundesgrenzschutz verpflichtet habe und meine Pilotenausbildung gemacht habe", erinnert sich Gerald König. Danach hat er aber dann eine Lehre als Zahntechniker begonnen. Ein Fehler, wie er schnell merkte. Dann kam er zurück, wo er bis heute hingehört: In das Cockpit eines Hubschraubers. Vorne rechts. Mit Pitch, Stick und Pedalen.

Nach seinem kurzen Ausflug in die Zahntechnik hat er mit dem Hubschrauber Grenzstreifen an der See abgeflogen. Acht Jahre hat er das gemacht, dann ging er fliegerisch neue Wege: Rettungspilot. Zunächst bei der SOS Flugrettung in Sanderbusch in Friesland. Für den gebürtigen Lübecker nicht ganz soweit weg von der Heimat. Mit der Bewerbung bei der ADAC Luftrettung und der Zusage dort sollte sich das aber schnell ändern. "Der ADAC suchte damals und hat mich genommen", erzählt der humorvolle Mann mit den grau melierten Haaren, während er sein Schokomüsli löffelt. Fünf Einsätze hat er an diesem Tag schon geflogen. Ist gerade erst wieder gekommen. Mit Christoph 25, dem Rettungshubschrauber für Siegen-Wittgenstein und die nähere Umgebung.

Seit nunmehr 32 Jahren fliegt der Familienvater im Kreis Siegen-Wittgenstein den Notarzt an die Einsatzstelle. Ist damit nicht nur der Dienstälteste an der Station, sondern auch der Pilot, der die längste Zeit beim ADAC fliegt. "Da stand nur einer mit 33 Dienstjahren im Intranet. Ich habe mich erst gar nicht getraut, darauf zu klicken. Dann habe ich es doch gemacht, und dann stand da König", erzählt er.

Vollblutflieger geht in Rente
Nach 41 Jahren als Pilot und 32 Jahren in Siegen ist aber nun Schluss für den Vollblutflieger, der heute in Neunkirchen lebt. Heute, am 31. März, wird er zum letzten Mal ins Cockpit von Christoph 25 steigen, um den Menschen in Siegen-Wittgenstein und Umgebung schnelle Hilfe zu bringen. Danach wird etwas fehlen - gar keine Frage. Überall im Rettungsdienst, wo man von Christoph 25 redet, ist der Name Gerald König untrennbar damit verbunden. Jeder kennt ihn. Ihn und seinen Humor, seine herzliche Art und wenn man ihn nicht kennt, mag man auch meinen, seine brummelige Art. Den Menschen, der sich auch bei schlimmen Einsätzen dezent zurück hält, auf der Waldbank sitzt, oder sich mit Passanten unterhält. Der auch schon mal zum Kaffeetisch gebeten wird, während er mit dem Hubschrauber auf den Patienten warten muss. "Jeder muss das tun, wofür er zuständig ist. Das ist wichtig so, damit sich jeder auf seine Aufgabe konzentrieren kann", erzählt er. Ich solle ihn jetzt bloß nicht fragen, was sein schlimmster Einsatz gewesen sei, mahnt er mich. Das frage ich ihn auch nicht. "Aber natürlich gibt es immer wieder Situationen, in denen man mitgefühlt hat. Und das sind nicht nur kleine Kinder oder alte Menschen, sondern das Alltägliche", erzählt er.

Wie vielen Menschen er schon Hilfe gebracht hat, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. "Etwa 400 Mal pro Jahr, wobei die letzten Jahre die Einsätze stetig zugenommen haben", rechnet er vor. "Zum Anfang waren es fast nur schwere Unfälle im Straßenverkehr und in Betrieben, zu denen wir geflogen sind. Heute machen wir auch oft Hausbesuche", berichtet er über die Veränderungen der Jahre. Und auch, dass der Arzt früher nur mit Sauerstoff und Koffer los gerannt sei und heute die Maschinen immer schwerer seien, weil es viel mehr Geräte an Bord gebe, die für die in Not geratenen Menschen so wichtig seien. "Wir haben am Anfang hier auch einmotorig geflogen, mit Chartermaschinen. Dann kam die BO 105 und heute ein hochmoderner Eurocopter", erinnert er sich zurück.

Stets sicher nach Hause kommen
Ob es ein Erlebnis aus den Jahren gibt, in dem er Angst hatte, weil das Wetter kritisch war, möchte ich wissen. Er ist bescheiden und antwortet, dass ihm nichts Besonderes einfällt. Sein Rettungsassistent, Dirk Werthenbach, der erzählt dann von einem Flug, der nach Freudenberg gehen sollte. "Wir sind hier hinterm Hangar raus gegangen und bis Ikea gekommen. Da war unglaublicher Wind. Was hat der Gerald da gerudert, um uns wieder sicher Heim zu bringen. Da mussten wir den Einsatz abbrechen", erinnert sich der Rettungsassistent. "Man fliegt oft mal am Limit mit dem Wetter. Man muss nur früh genug entscheiden, umzudrehen", erklärt der Pilot. Dass das spektakulär sein könnte, hört man nicht raus. Selbstverständlich eben für ihn. Auch, wenn der Einsatzabbruch aus Wettergründen keineswegs immer von allen draußen verstanden wird, muss man wissen, dass viele Meter weiter oben oft ganz andere Bedingungen herrschen, als vom Boden einschätzbar. Und wenn die Besatzung - vorrangig der Pilot - diese Entscheidung getroffen hat, dann nur mit einem Ziel: Sicher wieder nach Hause zu kommen. Seiner großen Kompetenz ist es auch zu verdanken, dass er in den über 40 Jahren seiner Tätigkeit im Cockpit nie einen Unfall hatte.

Halbes Leben auf dem Rettungshubschrauber
Wie alt er denn sei, frage ich ihn. "Meine Frau Antje hat mein biologisches Alter auf 75 Jahre ausgewertet, meine Lebenserwartung liegt aber nur bei 60 Jahren. Und wenn man 41 Jahre fliegt, kann man nicht mehr 20 sein. Ich bin 61 Jahre alt", lacht er. "Frag weiter. Was möchtest Du noch wissen?", weist er mich an. Wie er seinen letzten Dienst antreten wird, und ob es ihm Leid tut, hier zu gehen, möchte ich wissen. Da wird er still. Der Rettungsassistent hinter ihm nickt mir zu. Gibt mir zu verstehen, dass es Gerald nicht leicht fällt, hier zu gehen. "Ich habe mein halbes Leben hier verbracht", antwortet der dann. Mehr Antwort braucht es nicht. Da wird klar, dass es ihm Leid tut und ihm der Beruf schmerzlich fehlen wird. "Auch wenn es komisch sein wird, muss ich auch meinen letzten Dienst wie jeden anderen antreten", fügt er hinzu. Und was hat ihm in den ganzen Jahren nicht so gefallen? "Die ganzen Reporter". Herzliches Lachen. So kannten ihn die Leute, das war es, was ihn ausmachte. Um keinen Scherz verlegen. Das wird in Zukunft fehlen an den Einsatzstellen. Keine flotten Sprüche, keine Frotzeleien mehr. Aber auch keine aufbauenden Worte mehr, wenn es mal nötig war.

Einmal hatte er einem jungen Mann, der an einer Einsatzstelle den Hubschrauber anschaute, Hundekuchen angeboten. Hundekuchen hatte Gerald jeden Tag dabei im Dienst. "Ich liebe Hunde, und wenn welche an der Einsatzstelle waren, haben die auch immer Futter von mir bekommen", erzählt er. Der junge Mann lehnte allerdings verwirrt und dankend ab, woraufhin König ihm dann ganz trocken sagte: "Du bist ganz schön verwöhnt, Junge".

Aber zurück zum Thema: "Natürlich ärgert man sich mal, aber dass mir etwas gar nicht gefallen hat, kann ich nicht sagen", resümiert er seine langen Jahre in der Rettungsfliegerei.

Und am Besten? "Die Fliegerei". Da muss er nicht lange überlegen, das kommt von Herzen. Und was geschieht nach dem letzten Dienst? "Ich werde Ballon fahren, Gleitschirm fliegen und sehen, dass ich noch weitere Bienen bekomme. Meine Kollegen haben mir zum Geburtstag eine Honigschleuder geschenkt", freut er sich. "Und dann mal schauen, wie es weitergeht". Stationsleiter Markus Scheld spricht im Namen aller Kollegen: "Wir sind uns ausnahmslos alle einig, dass es für Gerald nie und nimmer Ersatz geben wird. Da geht ein echtes Stück Luftrettungsgeschichte..."

Möglichkeiten, als zweiter Pilot zu fliegen, hätte Gerald König noch. "Aber ich möchte nicht als zweiter Mann im BK Cockpit sitzen. Wann ist Schluss mit mir und der Fliegerei? Bis der Fliegerarzt uns beide trennt?", fragt er in die Runde, der sich mittlerweile auch ein alter Freund von Gerald zugesellt hat. "Das mache ich lieber selbst", macht er deutlich.

Jan Weber als Nachfolger
Und wer wird sein Nachfolger? "Das ist Jan Weber. Dem habe ich damals, vor rund 20 Jahren, als er als kleiner Junge hier war, den Hubschrauber gezeigt und erklärt", erzählt Gerald mit Stolz. Dann geht das Telefon. "Leitstelle!" rufen die Kollegen aus dem Wachbüro. Das heißt, dass es einen Einsatz gibt. Ein Patient soll vom Altenkirchener Krankenhaus nach Bonn verlegt werden. Der Arzt muss noch letzte Details klären, bevor es losgeht. Gerald geht schon zur Maschine. Er strahlt. "Das ist schon ein schöner Vogel", sagt er. Dann setzt er sich rein. Vorne rechts. Mit Stick, Pitch und Pedalen. Ein Lächeln, ein "Tschüss" und dann lässt er die Turbinen an. Der Arzt kommt hinzu und dann geht’s los. Mit 280 km/h zum Einsatzort. Wie so oft in den letzten 32 Jahren.

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Zuletzt bearbeitet am Donnerstag, 31. März 2016 07:27

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