Kampagne gegen verbale Belästigung läuft

Freitag, 27. März 2026 23:42 geschrieben von  Michael Fränkel
Landkreis, EWF, NVV und Kurhessenbahn beteiligen sich auch in 2026 an der bundesweiten  Kampagne #KeinKomliment: (v.l.n.r.) Tanja Schreiber, Fachdienst Frauen und Chancengleichheit; Erster Kreisbeigeordneter Karl-Friedrich Frese; NVV-Pressesprecherin Judith  Féaux de Lacroix; EWF-Geschäftsführer Frank Benz; Miriam Drüppel, stellvertretende Fachdienstleiterin Frauen und Chancengleichheit; Kurhessenbahn-Geschäftsleiter Jens Wrabletz. Landkreis, EWF, NVV und Kurhessenbahn beteiligen sich auch in 2026 an der bundesweiten Kampagne #KeinKomliment: (v.l.n.r.) Tanja Schreiber, Fachdienst Frauen und Chancengleichheit; Erster Kreisbeigeordneter Karl-Friedrich Frese; NVV-Pressesprecherin Judith Féaux de Lacroix; EWF-Geschäftsführer Frank Benz; Miriam Drüppel, stellvertretende Fachdienstleiterin Frauen und Chancengleichheit; Kurhessenbahn-Geschäftsleiter Jens Wrabletz. Foto: Landkreis Waldeck-Frankenberg

KORBACH. Der Landkreis Waldeck-Frankenberg setzt seine Kampagne gegen Catcalling auch in diesem Jahr fort. Unter Beteiligung von EWF, NVV und Kurhessenbahn soll dabei noch stärker zu mehr Zivilcourage bei verbaler sexueller Belästigung aufgerufen werden.

Seit 2023 ist der Landkreis mit seinem Fachdienst Frauen und Chancengleichheit Teil der bundesweiten Kampagne #KeinKompliment. Im Rahmen der Aktion werden Catcalling-Erlebnisse gesammelt und am Nationalen Aktionstag, dem zweiten Freitag im Juni, anonym mit Kreide auf die Straße gebracht. Ziel ist es, Catcalling, also verbale sexuelle Belästigung, sichtbar zu machen und dafür zu sensibilisieren.

Unter dem Motto „Catcalling ist kein Kompliment. Wegsehen aber auch nicht.“ wird in Waldeck-Frankenberg auch in Bussen und Bahnen auf das Thema aufmerksam gemacht. Mit der diesjährigen Kampagne soll zu mehr Zivilcourage bei verbaler sexueller Belästigung aufgerufen werden. Als Kooperationspartner stehen in diesem Jahr der heimische Energieversorger EWF, der Nordhessische Verkehrsverbund und die Kurhessenbahn zur Verfügung.

Im öffentlichen Nahverkehr macht die Sensibilisierung nach Angaben der Beteiligten besonders Sinn. Verbale sexuelle Belästigungen fänden überwiegend im öffentlichen Raum statt. Dazu gehörten etwa auch Bushaltestellen oder Bahnhöfe. Wichtig sei es deshalb, genau in diesem öffentlichen Raum auf Unterstützungsangebote aufmerksam zu machen, insbesondere für Menschen, die Catcalling beobachten und Betroffenen helfen können.

Die Unterstützungsangebote zeigen Beobachtenden Möglichkeiten auf, Betroffene zu unterstützen. Sexuelle Belästigung betrifft nicht nur die direkt Betroffenen, sondern kann auch das Sicherheitsgefühl anderer Frauen und Mädchen im öffentlichen Raum beeinträchtigen. Es geht dabei nicht darum, im öffentlichen Raum für Sicherheit zu sorgen, sondern Menschen dazu zu befähigen, sich gegenseitig zu unterstützen, wenn sie das Gefühl haben, dass Grenzen überschritten werden. In bedrohlichen Situationen oder im Zweifel ist immer die Polizei hinzuzuziehen.

Nach Angaben des Landkreises hat sich der öffentliche Nahverkehr mit der Kampagne im vergangenen Jahr als wichtiger Raum erwiesen, um möglichst viele Menschen mit der Botschaft zu erreichen. In kurzer Zeit seien dem Frauenbüro im Rahmen der Kampagne 2025 mehr Erfahrungen mit verbaler sexueller Belästigung gemeldet worden als in den Vorjahren insgesamt. Das unterstreiche die Bedeutung sichtbarer Sensibilisierung im öffentlichen Raum und zeige zugleich weiteren Handlungsbedarf.

Durch die Debatte um das, was Collien Fernandes von ihrem Ehemann angetan wurde, hat das Thema nach Angaben des Landkreises eine hochaktuelle neue Bedeutung gewonnen. Nicht nur Frauen forderten nun vermehrt, dass es nicht allein Aufgabe von Betroffenen sein könne, jede Form von Gewalt gegen Frauen zu benennen und sich solidarisch zu zeigen. Das sei eine Aufgabe, die von der Gesamtgesellschaft getragen werden müsse. Gewalt beginne nicht erst mit einem Schlag oder mit verbaler sexueller Belästigung im öffentlichen Raum. Sie beginne dort, wo sich niemand gegen sexistisches Verhalten positioniere und lieber weggesehen werde, anstatt Betroffene zu unterstützen.

Aufruf Erfahrungen mit Catcalling zu melden

Betroffene können Erfahrungen mit verbaler sexueller Belästigung online auf der Website des Landkreises oder per Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! melden. Es geht dabei auch darum, Betroffenen die Möglichkeit zu geben, selbstwirksam ihre Stimme gegen das zu erheben, was ihnen passiert ist. Eine häufige Reaktion auf Catcalling ist Wut, Wut darüber, sich so etwas gefallen lassen zu müssen. Oft werden Betroffene von solchen Vorfällen überrascht und haben nur einen kurzen Moment, um zu reagieren. In der Situation bleibt wenig Zeit zum Nachdenken, wie man sich verhalten soll. Im Nachhinein ärgern sich viele darüber, nicht schlagfertiger gewesen zu sein oder anders gehandelt zu haben. Die Möglichkeit, solche Vorfälle zu melden, kann Betroffenen helfen, die Deutungshoheit über die Situation zurückzugewinnen.

Über den QR-Code auf dem Plakat zur Kampagne, das in Bussen und Bahnen aushängt, gelangt man ebenfalls zum Meldeprozess auf der Website. Meldungen von Vorfällen helfen, das Ausmaß verbaler sexueller Belästigung zu erfassen und daraus weitere Maßnahmen abzuleiten. Die gesammelten Catcalling-Erlebnisse werden am bundesweiten Aktionstag am 12. Juni öffentlichkeitswirksam sichtbar gemacht.

Zahlen

Die im Februar 2026 veröffentlichte Dunkelfeldstudie „Lebenssituation Sicherheit und Belastung im Alltag“ der Bundesministerien und des Bundeskriminalamtes zeigt, dass 56,7 Prozent aller Frauen in ihrem Leben sexuelle Belästigung ohne Körperkontakt erlebt haben, worunter auch Catcalling fällt.

Nach einer Befragung aus dem Jahr 2021 sind insbesondere Frauen, diverse Personen und Menschen, die sich dem LGBTQIA+-Spektrum zugehörig fühlen, von Catcalling betroffen. Verübt werden die Belästigungen fast ausschließlich von Männern. Meistens finden die sexuellen Belästigungen abends auf öffentlichen Plätzen, bei Fahrten in Bus oder U-Bahn sowie in Clubs, Bars und Kneipen statt. Das Durchschnittsalter, in dem Catcalling am häufigsten erlebt wird, liegt bei 19 Jahren.

Auch wenn die Statistiken eine eindeutige Mehrheit in der Betroffenheit von Frauen belegen, gibt es auch männliche Betroffene. Nach einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus dem Jahr 2020 erleben 44 Prozent der Frauen und 32 Prozent der Männer in Deutschland Situationen, in denen sexistische Zeichen und Übergriffe an sie adressiert sind. Untersuchungsgegenstand war dabei allerdings nicht ausdrücklich Catcalling. 68 Prozent der weiblichen Opfer sexistischer Übergriffe sind 16 bis 24 Jahre alt, 43 Prozent der männlichen Opfer sexistischer Übergriffe sind jünger als 25 Jahre.

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