Motorrad prallt gegen Lkw - Fahrer in Lebensgefahr

Donnerstag, 06. Juni 2019 12:20 geschrieben von  Migration
Nach dem Aufprall geriet das Motorrad an den Rand der Fahrbahn. Nach dem Aufprall geriet das Motorrad an den Rand der Fahrbahn. Fotos: Matthias Böhl, 112-Magazin

ALBRECHTSPLATZ. Kurz unterhalb des Albrechtsplatzes stehen Feuerwehrleute auf der Bundesstraße. Sie kennen mich, als ich ankomme. Wir reden nicht viel. Aber ihre Blicke lassen schon das Ausmaß des Einsatzes erahnen. Ich stelle mein Auto in einer Haltebucht an der Böschung ab, um keine Einsatzfahrzeuge zu blockieren. Ich ziehe meine Presseweste über und gehe in Richtung der Einsatzstelle. Nach der Kurve steht der Rettungshubschrauber auf der Fahrbahn. Die Feuerwehren aus Langewiese und Neuastenberg sichern die Unfallstelle ab. Zuvor haben die ehrenamtlichen Wehrleute Erste Hilfe geleistet. Die eigentliche Einsatzstelle sehe ich zunächst nicht. Ein Feuerwehrmann kommt mir entgegen. Wir vereinbaren, dass er einen Polizeibeamten ordert, der mir nähere Auskunft geben kann. „Da, beim Lkw steht doch einer“, sage ich dem Feuerwehrmann. „Das ist die Einsatzstelle“, kommt die Antwort. Obwohl ich hauptberuflich selbst bei der Rettung arbeite, verstehe ich erst jetzt so recht, was hier geschehen sein muss. Der junge Mann der im Lederkombi hinter dem Streifenwagen auf der Straße sitzt und die Motorräder, die am wenige Meter entfernten Aussichtsparkplatz genau gegenüber des Rettungshubschraubers stehen, lassen erahnen, was passiert ist. Feuerwehrleute stehen an der Tür des Lkw und reden mit dem Fahrer. Jenem 54-jährigen Mann, dem der Motorradfahrer in die Seite geprallt ist.

Der Pilot des Hubschraubers sieht mich und kommt zu mir. „Eigentlich ist es hier wirklich sehr idyllisch, wenn man rechts das Szenario weglässt“, sagt er zu mir, während wir in die untergehende Sonne in Richtung Oberkirchen blicken. Wenige Meter weiter unten – verdeckt durch eine Kurve – kämpfen die Mediziner des Hubschraubers und meine Kollegen des RTW um das Leben des jungen Mannes. Der ist 31 Jahre alt, stammt aus Siegen. Gemeinsam mit Freunden war er vom Albrechtsplatz kommend unterwegs.

Ein Polizeibeamter kommt zu mir. „Hi, grüß` Dich“, wir kennen uns bereits von anderen Einsätzen. Die Zusammenarbeit hat immer sehr gut funktioniert.

„Das will niemand sehen da unten. Glaub` mir, das will keiner sehen“, sagt er zu mir. Er erklärt in groben Zügen, was passiert ist: „Fünfzig Meter Blockierspur, der hat die Kontrolle über das Motorrad verloren und ist gegen die Seitenverkleidung und den Reifen des Lkw geprallt. Möglicherweise hat der Auflieger die Beine überrollt“. Stille.

Wenn der Motorradfahrer im Rettungswagen liegt, oder ausgeflogen wurde, kann man zur eigentlichen Einsatzstelle gehen. Vorher nicht. Das ist eine Selbstverständlichkeit und es bedarf dazu keiner weiteren Erklärung. So wichtig die Pressearbeit ist, und so sehr sie aufklären soll und kann und manchmal auch den Beteiligten bei der Schadensregulierung und Beweissicherung helfen kann – so wichtig, dass man die Privatsphäre Betroffener nicht wahrt, oder Rettungskräfte stört, kann sie gar nicht sein. Nicht erst seit der aufgekommenen Diskussion um Gaffer mit Handys.

Paradox ist, dass der Hubschrauber mit der dezent untergehenden Sonne eine beeindruckende Kulisse bildet. Nach einiger Zeit wird der Patient zum Hubschrauber gebracht. Nicht, wie üblich mit dem RTW, sondern mit der Fahrtrage. Der RTW könnte nicht noch einmal durch die Unfallstelle fahren. Zum einen müsste er auf der engen Serpentinenstraße erst einen Platz zum drehen finden, zum anderen hat die Polizei bereits mit der Spurensicherung mittels Monobildverfahren begonnen und außerdem waren es nur wenige Meter bis zum Hubschrauber. Ich drehe mich um. Mit dem Rücken zu den Kollegen. Gehe zu einem Feuerwehrmann, der auf dem Parkplatz steht. „Ich könnte jetzt etwas anderes machen. Schau Dir diesen Sonnenuntergang an“, sagt er zu mir. Wieder blicken wir in Richtung Oberkirchen. Wortlos. Als der Patient im Hubschrauber liegt, mache ich Fotos vom Start des „Christoph 25“. Die ADAC Luftrettung GmbH, Betreiber des Rettungshubschraubers benötigt Fotos vom Hubschrauber im Einsatz. Sie stellt damit ihre lebensrettende Arbeit in Flyern, Infoschriften oder Kalendern dar. Heute ist ein junger Rettungsassistent auf dem Hubschrauber eingesetzt, den ich im Rahmen seiner Ausbildung mit Schulunterrichten und Einsatztrainings ein großes Stück mit begleiten durfte. Er ist anders als sonst. All das Lockere, das fröhliche und optimistische, was ihn normal ausmacht, ist weg. Er muss nun einen lebensgefährlich verletzten jungen Mann, der kaum älter ist, als er, ins Krankenhaus begleiten.

Nach dem Abflug des Hubschraubers gehe ich in Richtung der Einsatzstelle. Die Polizeibeamten haben die Straße in kleine Quadrate aufgeteilt, die nun abgemessen und fotografiert werden. Es darf nichts verändert werden. So können die Ermittler hinterher den Unfallhergang genau aufklären. Meine Kollegen räumen ihr Material beisammen. Sie sehen mich und kommen kurz zu mir. Ein Hände schütteln und dann reden wir nichts weiter. Blicke reichen aus. Sie sind geschwitzt, abgekämpft, haben alles gegeben. Das sind die Einsätze, die sich niemand wünscht. Feuerwehrleute sammeln ein paar persönliche Gegenstände des Verunfallten ein, reden mit seinen Freunden und dem Lkw-Fahrer. Der saß die ganze Zeit in seinem Führerhaus und sitzt dort immer noch. Er konnte nichts für den Unfall. Eigentlich konnte niemand etwas dafür. Es ist noch unklar, warum das Motorrad außer Kontrolle geraten ist. Es könnte an der Geschwindigkeit liegen. Sicher ist das aber nicht.

Plötzlich kommt ein Auto in die Unfallstelle gefahren. Eine junge Frau steigt aus. Kurzes und gespanntes Blicken. Ist sie durch die Absperrung gefahren? Dann zieht die Dame eine lila Weste an. Die Kennzeichnung der Notfallseelsorger. Sie kümmert sich jetzt um den Lkw-Fahrer. Von der Feuerwehr kommen weitere Spezialisten in lila Westen: Sie gehören zum PSU Team HSK. PSU steht für Psycho Soziale Unterstützung. Diese Menschen sind nicht nur für Angehörige oder Freunde da. Ganz besonders sind sie für Einsatzkräfte da, die mit den Eindrücken die sie erlebten, nicht fertig werden können.

Liebe Biker, wenn Ihr raus fahrt, dann unterschätzt nicht die Kurven. Unterschätzt nicht die Physik, unterschätzt nicht die Geschwindigkeiten, die verunreinigten Straßen, die Wildtiere, oder die anderen Verkehrsteilnehmer. Und überschätzt nicht Euch selbst. Rechnet immer mit den Fehlern anderer, fahrt besonnen und kommt immer gut ans Ziel.

Ein Like unter dem Artikel sehen wir als Anerkennung für die außerordentlichen Leistungen aller Einsatzkräfte vor Ort.

Zuletzt bearbeitet am Donnerstag, 06. Juni 2019 12:38

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