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Montag, 29 März 2021 09:54

Stetiges Training für Wanderer in Not

BAD WILDUNGEN. Es ist schon ein vertrautes Bild am Wildunger Himmel. Ein Bild, das vielen Touristen und Einheimischen in der Nationalparkregion Sicherheit vermitteln kann: Ein Hubschrauber der Bundespolizei kreist über den Altwildunger Bilsteinklippen und in der nächsten Minute steht die schwere Maschine vom Typ H155 (Früher EC 155) wie eine Eins in der Luft, einige Meter über den Bäumen am Felsen mit der Aussichtsplattform. Der Windenoperator lässt ein kaum sichtbares Stahlseil an den Felsen herunter.

Wenige Meter unter der Maschine befinden sich ehrenamtliche Helfer der Bergwacht Hessen. Luftretter. Speziell ausgebildete Bergwachtler, die im Einsatzfall von einem Hubschrauber aufgenommen werden, um zu verletzten Menschen in unwegsames Gelände abgewincht werden zu können und dann eine Erstversorgung vorzunehmen.

So war es am Freitag an den Bilsteinklippen: Eine Fußgängerin war dort verunglückt. „Irgendwo im Bereich der Aussichtsplattform muss der Unfall geschehen sein, dort befindet sich die Frau. Die Unfallstelle ist mit Rettungswagen aber nicht zu erreichen“, weist Gerd Windhausen seine Leute vor dem Rettungsflug ein. Heute ist der Einsatz des Hubschraubers und der Luftretter der Bergwachten aus Willingen und Bad Wildungen zum Glück nur eine Übung. „Wir sind sehr froh, dass wir mit Corona-Auflagen endlich wieder praktisch üben können“, freut sich Gerd Windhausen. Ein so genanntes „Szenario-Training“ absolvierten die Einsatzkräfte im Wildunger Land. Dabei seien die Teams mit der Hubschrauberbesatzung an den jeweiligen Einsatzorten auf sich allein gestellt und bekommen zu Beginn des Fluges nur die Einsatzsituation mitgeteilt. Für die Luftretter gibt es dann verschiedene Möglichkeiten, die Patienten aus dem Gelände zu retten. Liegend, im Bergesack, oder auch in sitzender Position, durch Bergretter an der Winde gesichert.

Diese Szenarientrainings und den Einsatz mit der Winde eines Hubschraubers trainieren alle Luftretter der Bergwachten zusammen mit den Hubschrauberbesatzungen der Bundes- und Landespolizei mehrmals im Jahr. In diesem Zusammenhang galt der Dank der Bergwacht vor allem dem Landwirt, der immer wieder eine seiner Wiesen als Landestelle für die Hubschraubertrainings zur Verfügung stellt.

Somit wird das Bild von Polizeihubschraubern am Wildunger Himmel auch in der Zukunft ein vertrautes Bild bleiben. Ein Synonym für bestmöglich ausgebildete Bergretter und Hubschrauberbesatzungen für in Not geratene Wanderer, Waldarbeiter und Touristen.

Publiziert in Retter

„In einer Stunde fliegen wir los Richtung Grimma. Wir brauchen zwei Leute, die Hubschrauber sind startklar“. Wenn Gerd Windhausen einen Anruf bekommt, dann muss es schnell gehen. Der 52-jährige Bad Wildunger ist Luftretter bei der Bergwacht in Bad Wildungen und Technischer Leiter der Bergwacht Hessen.

Nur wenige Minuten nach dem Anruf saßen er und ein weiterer Kamerad in einem Polizeihubschrauber auf dem Weg ins Hochwassergebiet von Sachsen. In 2013 war das. Da hat Gerd gemeinsam mit einem weiteren Bergwachtkollegen, den Polizeibeamten der Bundespolizei Fliegerstaffel Fuldatal und den Wasserrettern der DLRG Leben gerettet. Von Menschen und Tieren. „Die Bundespolizei wollte mit zwei Hubschraubern – einer EC 155 und einer Superpuma – von Fuldatal aus ins Einsatzgebiet fliegen und hatte dabei jeden Hubschrauber mit einem Bergretter und einem Wasserretter besetzt“, erinnert sich Gerd, als ich in an diesem Samstagmorgen im März für die Berichterstattung anlässlich unserer Serie in seinem Heimatort Odershausen bei Bad Wildungen besuche.

Wie wir ziemlich zu Anfang unseres Gespräches auf jenen Hubschraubereinsatz zu sprechen gekommen sind, weiß ich gar nicht mehr so genau. Gerds Erlebnisse sind aber so interessant, dass ich einfach nur zuhöre und immer mehr dazu frage. „Wir haben zunächst sämtliche Verfahren geprobt. Wir wussten ja gar nicht, was auf uns zukam“, erinnert sich Gerd noch. Nachdem das alles gewohnt professionell abgelaufen war, ging es für den Odershäuser direkt ins Schadensgebiet. „Wir mussten zu umspülten Dörfern, die völlig von der Außenwelt abgeschnitten waren, fliegen und dort Verbindungen zur Außenwelt herstellen. Die Telefone funktionierten lange nicht mehr“, erinnert sich Gerd. Mit dem Polizeihubschrauber ist er in die abgeschnittenen Dörfer geflogen worden. „Wir sind dann gelandet, oder wurden abgewincht und haben bei den Leuten gefragt, ob sie medizinische Hilfe benötigen, ob Lebensmittel knapp werden, oder sie Infrastruktur brauchen“, erklärt er. Deichexperten haben sie ins Schadensgebiet gebracht, damit sie die Lage beurteilen und Hilfe organisieren konnten. Und sie haben Menschen und Tiere vor dem Ertrinken gerettet.

"Mit dem Absaufen von unten hatte niemand gerechnet" (Gerd Windhausen, Bergretter)

„Das war eine Gehöftgruppe bei Gruna, diese Familien mussten wir evakuieren“, berichtet Gerd mir. „Eigentlich“, so fährt er fort, „wollten diese Leute in ihren Höfen bleiben. Sie hatten nicht gedacht, dass die Wassermassen bei dem enormen Druck auf die Deiche auch aus dem Erdreich kommen“, erinnert er sich. „Mit dem Absaufen von unten hatte keiner gerechnet“, bringt er es auf den Punkt. Heute noch schwärmt Gerd vom Können des damaligen Polizeipiloten: „Der hat den Hubschrauber in Millimeterarbeit auf dem Deich gelandet. Wenn zwei Meter Abstand vom Rotor zur Laterne bestanden haben, war es viel“, berichtet er. „Das war absolute Maßarbeit“. Gemeinsamt mit dem Wasserretter der DLRG war Gerd nach der Landung auf sich alleine gestellt. Es galt, eine schwerst Pflegebedürftige Frau vor den Wassermassen zu retten. Sie lag zu dieser Zeit noch in ihrem Pflegebett in einem Bauernhof, der regelrecht abzusaufen drohte. „Irgendwo haben wir ein Kanu gefunden. Das haben wir uns dann genommen und sind zu dem Haus gefahren. Die Frau war wirklich schwerstpflegebedürftig und an einen anderen Transport, als im Liegen war gar nicht zu denken“, erinnert er sich. Also sind die Männer los, haben irgendwo einen Krankenwagen gesucht und sich aus diesem Wagen eine Schaufeltrage, ein spezielles Rettungs- und Transportgerät, ausgeliehen. „Wir sind dann wieder zu der Frau gepaddelt und haben festgestellt, dass sie mit der Schaufeltrage nicht ins Kanu passt“, beschreibt Gerd die nächste Schwierigkeit. Die Retter haben dann auf einem Nachbargrundstück einen eingeklappten Tisch einer Gartenmöbelgarnitur gefunden. „Den haben wir umgedreht auf das Kanu gelegt und die Frau mit der Schaufeltrage darauf. Ich war dann bei der Patientin und der Wasserretter hat uns mit dem Kanu zum Hubschrauber gebracht“, beschreibt Gerd die Rettungsaktion der Dame. „Wir haben alles mitgenommen. Hunde und Katzen, viele Erwachsene. Die Kinder waren zum Glück schon weg“, erinnert er sich. „Die einzigen, die wir da gelassen haben, waren die Schafe. Die standen auf dem Deich und konnten da Gras fressen. Die waren nicht in Gefahr“, erklärt Gerd mir.

„Die Menschen waren so unheimlich dankbar“, weiß Gerd noch heute. „Wir konnten vor Ort zwar keine persönliche Bindung aufbauen, die Zeit drängte ja sehr und wir mussten von einem Einsatz zum nächsten“, erinnert er sich. Umso mehr hat der Bergwachtmann sich über die lieben Dankesschreiben gefreut, die nach der Hochwasserkatastrophe angekommen sind. Das kann er auch in unserem Gespräch nicht verbergen. Das geht ihm nahe. Auch noch sieben Jahre später.

Völlig beeindruckt von diesen Schilderungen vergesse ich beinahe, all meine Fragen zu stellen, die ich mir für Gerd überlegt hatte. Beim Thema „Hubschrauber“ geraten wir beide schnell ins Schwärmen und vergessen die Zeit. Wir kennen uns von dutzenden von Windentrainings und schweifen immer mal wieder vom eigentlichen Thema ab, haben gemeinsame Bekannte bei der Südtiroler Landesflugrettung, oder dem Südtiroler Bergrettungsdienst, waren beide in derselben polnischen Gegend unterwegs, ohne es zu wissen. „So klein ist die Welt“, stellen wir gemeinsam fest und kommen nach einer ganzen Weile nun doch wieder auf unser eigentliches Thema zurück.

Ich möchte von Gerd wissen, was eigentlich die alltäglichen Aufgaben der Wildunger Bergwacht hier sind. „Wozu brauchen die eine Bergwacht?“, hatte mich ein Kumpel kürzlich noch gefragt.

Weit verbreitetes unwegsames Gelände

Gerd erklärt es mir: „Zum Beispiel im gesamten Nationalpark Kellerwald-Edersee gibt es viele Wanderwege, die mit Autos schlichtweg nicht erreichbar sind. Wenn da ein Mensch Hilfe braucht, kann der Rettungsdienst alleine das einfach nicht leisten“, macht er deutlich. Gerd kann aus beiden Blickwinkeln berichten: In seinem Hauptberuf arbeitet der 52 Jährige als Notfallsanitäter im DRK Kreisverband Bad Wildungen als stellvertretender Rettungsdienstleiter und auch im Einsatzdienst und kommt so für beide Institutionen regelmäßig zum Einsatz. Erinnern kann er sich nach 35 Bergwachtjahren noch an eine ganze Reihe von Notfällen: „Wir mussten mal eine Patientin vom Wüstegartenturm abseilen. Die Frau musste in jedem Fall liegend transportiert werden und man hätte sie anders nicht vom Turm bekommen“. Gerd beschreibt mir die die Tücken der Erreichbarkeit: „Der Turm war für den Rettungsdienst mit dem Auto einfach nicht zu erreichen. Die Kollegen mussten etwa 500 Meter zu Fuß zurücklegen, bei gut einhundert Höhenmetern Anstieg. Und dann noch mal den Turm hoch bis zur Aussichtsplattform und dort die Patientin versorgen“. Eine Tatsache, die man sich kaum vorstellen kann. Und trotzdem: Immer wieder kommt es zu solchen Einsätzen. „Wir haben kürzlich einen schwerstverletzten Forstarbeiter aus dem Wald gerettet, oder eine Frau mit Knöchelfraktur vom Ettelsberg in Willingen geholt“, erzählt Gerd. Auch der Einsatz bei einer Reanimation in einer Windkraftanlage ist dem Familienvater noch in Erinnerung. „Unsere Einsätze erfolgen nicht nur in Waldeck-Frankenberg. Wir werden auch immer wieder aus den Nachbarkreisen angefordert, was uns sehr freut“, berichtet er mir. Besonders stolz ist Gerd auf das exzellente Notrufkonzept im Nationalpark vor seiner Haustür: „Wir haben zusammen mit dem Nationalpark den gesamten Park mit Rettungspunkten ausgestattet. Wenn der Anrufer, der oftmals nicht von hier stammt, einen Notfall meldet, sieht er auf den Wanderwegen alle paar Meter einen Rettungspunkt und kann den angeben. Das funktioniert richtig super“, ist Gerd begeistert und kann berichten, dass die letzten Notrufe allesamt nur über diese Punkte erfolgt sind. „In der Bergrettungswache haben wir Detailkarten und wir können jedem Rettungspunkt nicht nur die zugehörige Route, sondern auch den genauen Standort zuordnen. Das spart sehr viel wertvolle Zeit“, macht er deutlich.

Viele Jahre bis zum Luftretter

Nicht nur im „normalen“ Bergwachtdienst ist Gerd Windhausen engagiert. Der Odershäuser ist auch Technischer Leiter der gesamten Bergwacht Hessen und damit für die medizinische und einsatztaktische Ausbildung der Bergwachtler verantwortlich. Und die dauert ganz schön lange: „Wenn wir jemanden haben, der wirklich Gas gibt und motiviert und voller Elan dahinter steht, ist der frühestens in drei Jahren eine fertige Einsatzkraft“, rechnet Gerd vor. Winterrettung, Sommerrettung, Sanitätsdienstausbildung, Notfallmedizinausbildung – alles das muss ein Bergwachtler lernen und beherrschen. Hinzu kommen auch Naturschutzaufgaben, die von einem eigenen Referenten vermittelt werden. „Aber das ist nicht alles“, gibt Gerd Windhausen zu bedenken. „Der Bergwachtler muss klettern können, er muss Skilaufen können und vor allem körperlich sehr fit sein“, nennt er mir die Voraussetzungen, überhaupt bei der Bergwacht mitmachen zu können. Wer das noch nicht kann, der kriegt es bei der Bergwacht beigebracht. Nach der anfänglichen Ausbildung können die Bergwachtler sich noch weiter qualifizieren und zum Beispiel Einsatzführungsaufgaben übernehmen, oder Luftretter werden.

„Das ist mit Absicht so gemacht, um viel Erfahrung und Wissen zu vermitteln, bevor man solche Aufgaben übernimmt“, erklärt mir Gerd und macht deutlich: „Wenn ein Bergretterteam in den Einsatz geht, ist es oft auf sich allein gestellt. Dann kann man zwar einen Notarzt nachbestellen, aber der kommt nicht, weil er dort nicht hinkommt“. Das führt mir vor Augen, was es eigentlich heißt, bei der Bergwacht zu sein. Das idyllische, heldenhafte, was man im Fernsehen sieht, wird man hier nicht finden. „Das ist die Königsdisziplin“, macht Gerd deutlich.

Auch, wenn er in der Funktion als Technischer Leiter einen sehr verantwortungsvollen Posten ausübt, und die Bergwacht Hessen auch im Bundesausschuss der Technischen Leiter vertritt, oder die Bergwacht Deutschland in der Luftrettungskommission der IKAR (Internationale Kommission für alpines Rettungswesen) repräsentiert und weltweit Fortbildungen besucht, ist der sympathische Mann nicht abgehoben oder hochnäsig. Ganz im Gegenteil.

Ich frage ihn, was ihm an der Bergwacht am meisten gefällt: „Die unheimlich entspannten Patienten“, sagt er mir und lacht. „Da ist ein Biker mit `ner Pedale in der Wade der sagt „macht ein Pflaster drauf und es ist wieder gut“, lacht Gerd. „Das ist einfach schön, wenn man mit den Patienten gut, liebevoll und pfleglich umgehen kann. Das ist viel mehr Wert, als eine Medikamentengabe. Da erreichst Du mehr, als mit Chemie“, erklärt er mir. Gerd lächelt. Das macht ihm Spaß. Gar keine Frage, das merkt man sofort. „Wenn wir die Patienten dann mit einem Lächeln übergeben können und die dann auch noch Danke sagen, ist das einfach das Größte“, erklärt er mir die Vorzüge seines Ehrenamtes.

Seit 35 Jahren bereits kennt Gerd diese Vorzüge, angefangen hat er in der Bergwachtjugend und ist der Bergwacht bis heute treu geblieben. Eine Altersgrenze gibt es für die Arbeit bei der Bergwacht übrigens nicht. „Jeder kann das so lange, wie er sich fit fühlt, machen“, erklärt Gerd. Dreimal die Woche geht er Laufen, zehn, zwölf Kilometer. „Ich habe da einen sehr hohen Anspruch an mich, weil ich das noch lange machen möchte, denn das macht mir einfach Spaß“.

Gibt es auch etwas, was ihm an der Bergwacht nicht so gut gefällt? „Nein. Das gibt es nicht“. Kurz und bündig.

Und so werde ich Gerd schon bald wieder treffen. Beim Windenrettungstraining mit dem Hubschrauber. Mit jenen Polizeipiloten, mit denen er seinerzeit in Sachsen Menschen und Tieren das Leben gerettet hat.

Publiziert in Retter
Montag, 23 September 2019 17:14

Retter zwischen Himmel und Erde

BAD WILDUNGEN. Es herrscht reges Treiben rund um die Jägersburg bei Bad Wildungen, unweit der B 253. Ein Hubschrauber kreist und setzt nach kurzer Zeit zur Landung auf einem Feld an. Einsatzfahrzeuge der Bergwacht und der Polizei stehen am Rand. Hier findet eine Einsatzübung der Bergwacht Hessen und der Polizeifliegerstaffel Hessen aus Egelsbach statt. Die Frauen und Männer gehen vom Ernstfall aus: Wanderer sind in unwegsamem Gelände rund um Bad Wildungen verunglückt und können an den entlegenen Stellen nicht mehr bodengebunden erreicht werden. Es gibt keine Zufahrtmöglichkeiten für Rettungsfahrzeuge.

In real dargestellten Einsatzszenarien stellen die Retter ihre Fähigkeiten einmal mehr unter Beweis. Das Besondere dabei: Es erfolgt kein standardisiertes Training mit dem Abarbeiten einzelner Aufgaben, sondern der Hubschrauber und die ehrenamtlichen Rettungskräfte der Bergwacht werden wie in der Realität auch zu den einzelnen Einsatzstellen alarmiert. So erhalten die jeweils übenden Teams, bestehend aus einem Bergretterteam und einer Besatzung des Polizeihubschraubers „Ibis 1“ vor Ort einen Einsatzbefehl, der zuvor von der Leitstelle angenommen wurde. „Eine junge Frau ist auf einen Felsvorsprung bei den Bilstein- Klippen gefallen und kann nun nicht mehr auftreten. Die Dame ist ansprechbar und macht sich beim Anflug bemerkbar“, lauten die Einsatzinfos für die Crew. Dann gibt es noch die Koordinaten der vermuteten Einsatzstelle und los geht es. Timo Werner, Besatzungsmitglied und Windenoperator bei Ibis 1, wird heute die Winde an „seinem“ Polizeihubschrauber bedienen. Er checkt kurz noch ab, welcher der drei eingesetzten Bergretter wann abgeseilt werden soll – davon hängt ab, wer wann in die Maschine steigen darf. Dann geht es auch schon los. Der Pilot vorne im Cockpit der Maschine startet die Triebwerke des Eurocopter „EC 145“ und nimmt Kurs in Richtung Einsatzstelle.

Wenige Kilometer weiter werden die fliegenden Retter bereits sehnsüchtig erwartet.

Dort, auf den Felsen der Bilstein- Klippen, hoch oberhalb von Bad Wildungen, haben andere Bergretter eine Verletztendarstellerin positioniert. Alles unter der Koordination von Gerd Windhausen, Einsatzleiter der Bergwacht Bad Wildungen und Technischer Leiter der Bergwacht Hessen. Ebenfalls vor Ort: Klaus Boida, Ausbildungsleiter bei der Polizeifliegerstaffel aus Egelsbach.

Der Hubschrauber nimmt unterdessen Kurs auf die Felswand und die Besatzung schaut sich die Einsatzstelle zunächst aus der Luft an. Kurze Zeit später dreht der Hubschrauber ab. Jetzt machen sich die Windenretter bereit für ihren Einsatz. Die Maschine kommt zurück, Timo Werner steht in der offenen Schiebetür und lässt die Bergretter zur Verletzten herunter. Auf die Kommunikation zwischen den einzelnen Beteiligten kommt es nun an. Der Pilot kann nicht sehen, was senkrecht unter dem Hubschrauber geschieht. Hier muss Timo Werner sich auf die Handzeichen und Ansagen des Bergwachtlers an der Rettungswinde verlassen. Und der Pilot wiederum auf die exakten Angaben von Timo Werner. In diesem exzellenten Zusammenspiel werden die Bergretter innerhalb weniger Minuten sicher auf dem Felsvorsprung abgesetzt. Der Hubschrauber dreht nach dem geglückten Abseilen sofort ab und sucht sich einen Zwischenlandeplatz. Nun versorgen die Bergretter die junge Frau und legen sie in einen so genannten Luftrettungs- Bergesack. Darin ist ähnlich einer Vakuummatratze gewährleistet, dass der Patient völlig ruhig und erschütterungsfrei im Sack liegt. Etwa zehn bis fünfzehn Minuten dauert diese Vorbereitung und dann kommt der Hubschrauber zurück. Jetzt gilt es, die verletzte Frau und einen der Retter wieder an Bord zu nehmen, genauer gesagt auf die Kufe. Genau so professionell, wie auch beim Absetzten funktioniert die Zusammenarbeit beim Aufnehmen der Retter. Dabei ist ein besonders heikler Moment zu beachten, denn der Bergesack wird gegen Abstürzen direkt am Fels gesichert. Somit steht der Hubschrauber beim Aufwinchen quasi in direktem Kontakt zum Felsen, ist praktisch gefesselt, bis die Sicherung des Sackes von dort wieder gelöst wird. Dies kann dazu führen, dass der Pilot die Kontrolle über seine Maschine verliert. Doch es geht wie immer alles gut. Tausende Male geübt sitzt jeder Handgriff und dennoch darf niemals Routine aufkommen.

Nachdem das Team an Bord genommen ist, fliegt der Hubschrauber zur Landebasis an der Jägersburg zurück, wo der entsprechende Übungsteil dann mit dem Absetzen des Patienten endet.

Viele Male wurden dieses und andere Szenarien von Donnerstag bis Sonntag rund um Bad Wildungen geprobt und die Retter für ihre zukünftigen Einsätze fit gehalten. Bereits seit 10 Jahren gibt es diese Kooperation zwischen den Polizeifliegern und der Bergwacht.

Übrigens waren nicht nur Bergwachtler aus Bad Wildungen vor Ort: Alle Luftretter der gesamten Bergwacht Hessen haben von Donnerstag bis Sonntag in und um Bad Wildungen trainiert. Für die Sicherheit der Wanderer, der Gleitschirmflieger, der Radfahrer, Sportler und Besucher. An der Grenze zwischen Himmel und Erde.

„Dank gilt an dieser Stelle auch der Bevölkerung für das Verständnis für diese Übung, es wurde versucht, die Geräuschemission so gering wie möglich zu halten, ganz vermeiden ließ sie sich jedoch nicht.“, erklärt Gerd Windhausen.

Publiziert in Retter

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