Ein Krankenwagen für die Herzen

Dienstag, den 02. Juli 2019 um 09:38 Uhr Verfasst von  Matthias Böhl
Michael Hermann ist mit seinen Kameraden bereit, todkranken Menschen den letzten Herzenswunsch zu erfüllen. Mehrmals ist der Krankenwagen für die Herzen bereits ausgerückt. Michael Hermann ist mit seinen Kameraden bereit, todkranken Menschen den letzten Herzenswunsch zu erfüllen. Mehrmals ist der Krankenwagen für die Herzen bereits ausgerückt. Foto: Matthias Böhl, 112-Magazin

BAD LAASPHE. Einmal noch das Meer sehen, einmal noch in diesem einen Ferienhaus mit Freunden ein paar schöne Stunden verbringen. So gerne noch mal die Lieblingsfußballmannschaft spielen sehen, noch ein einziges Mal Tiere besuchen, einmal mit dem Hubschrauber die Heimat von oben sehen. Einmal mit der Familie das Musikidol treffen und erleben.

Eigentlich sind das Wünsche, die banal klingen, mag man als Leser im ersten Moment denken. Wünsche, die man sich doch eigentlich ohne weiteres erfüllen könnte. Wünsche, die sicher jeder von uns in irgendeiner Form schon einmal hatte und sie dann in die Tat umgesetzt hat, oder Wünsche, die man sich bald gönnen wird.

Dies sind Wünsche von Menschen, die sie nicht mehr erleben können. Wünsche von Menschen, die wissen, dass sie sehr bald sterben müssen. Menschen, die an einer unheilbaren Erkrankung leiden, die definitiv zum Tod führen wird. Menschen, die nicht mehr viel Zeit haben – die nie wieder gesund werden. Menschen, die ihre Lieben bald nie mehr sehen werden, die ihre Freunde und Familien ungewollt zurück lassen müssen.

Schicksalsschläge in der eigenen Familie

Drei Mal schon hat Michael Hermann aus Bad Laasphe diese schmerzliche Erfahrung in der eigenen, engsten Familie durchmachen müssen. Innerhalb von nur drei Jahren verlor der 42-jährige Rettungsassistent seine Mutter, seinen Bruder Thomas und schließlich seinen Vater.

Vielleicht tragen gerade diese Schicksalsschläge dazu bei, dass der junge Familienvater ein Projekt mit so viel Elan betreibt. „Es ist mir eine Erfüllung, Menschen einen letzten Wunsch zu erfüllen“, erklärt er mir.

Ein Krankenwagen für die Herzen

Michael erzählt mir von einem ganz besonderen Krankenwagen, den er in Bad Laasphe mit seinen Kameraden vom Malteser Hilfsdienst ehrenamtlich besetzt. Es ist ein Krankenwagen für die Herzen. Einer, der es mit seiner tollen Besatzung möglich macht, dass Menschen, die bald sterben werden, ihren letzten Herzenswunsch doch noch erleben dürfen und in vollen Zügen genießen können. Ein Krankenwagen, der diese Menschen wahrscheinlich zum allerletzten Mal in eine andere - für viele Menschen normale – Welt entführt. Einer, mit dem es ihnen ermöglicht wird, noch einmal ihren Akku für die schwerste Zeit voll zu tanken.

Michael erinnert sich noch sehr gut an den ersten Herzenswunsch, den er mit seinem Team einem schwer kranken Mann erfüllt hat: „Der Mann hat über Jahre mit seinen Freunden Urlaub in einem ganz bestimmten Ferienhaus gemacht. Er hatte den sehnlichsten Wunsch, diesen Urlaub mit seinen acht Freunden noch ein einziges Mal vor seinem Tod zu machen“, erklärt mir Michael. „Der Mann hat zu dieser Zeit schon gemerkt, dass das Ende naht“, ist der erfahrene Rettungsassistent sich sicher. „Wir haben ihn also abgeholt und sind gemeinsam mit einem Intensivpfleger – einer der Freunde – in das Ferienhaus gefahren. Bis nach Holland“. Nachdem die neun Freunde dort ein letztes Mal den gemeinsamen Urlaub verbracht haben, sind die Malteser aus Bad Laasphe wieder Richtung Holland gestartet, um den Patienten wieder zurück ins Hospiz zu bringen. „Das hat mich viele, viele Tränen gekostet“, gesteht Michael mir. Da ist es kurz still. Michael strahlt. „Das geht einem schon sehr, sehr nahe“, gibt er unumwunden zu. Wie kann man es schaffen, mit so höchst emotionalen Situationen umzugehen und nicht an den Schicksalen zu zerbrechen? Das interessiert mich.

„Die glücklichen Menschen nach der Wunscherfüllung – die bauen wieder zu 100% auf. Das ist eine Dankbarkeit, die ist einfach unbeschreiblich“, erklärt Micheal Hermann. Und die höre dann nicht abrupt auf: „Die Familien der Patienten lassen uns weiter Teil haben. Sie berichten uns, wie glücklich ihre Lieben nach der Wunscherfüllung waren, wenn sie im ganzen Raum Fotos von ihrem Herzenswunsch aufgehängt haben“, berichtet er. „Das ganze Gesamtpaket ist es, was diese Aufgabe so schön macht“.

Großes Engagement der Öffentlichkeit

Dass so eine segensreiche Arbeit in Bad Laasphe möglich wurde, dafür haben Michael Hermann und seine Kameraden lange gekämpft. Viele Genehmigungsverfahren waren erforderlich, 30.000 Euro wurden benötigt, um den Wagen anschaffen zu können. „Da kam Björn Schäfer, der viele Spendenläufe macht“, erinnert sich Michael. „Der hat mich gefragt, ob ich eine Idee hätte, wofür man laufen könnte. Als ich ihm von der Idee mit dem Herzenswunsch Krankenwagen erzählt habe, war er sofort dabei. Von Köln bis nach Bad Laasphe ist er mit weiteren Freiwilligen bei „Run for Wishes“ gelaufen“, schwärmt Michael Hermann. Auch dieses Engagement außenstehender Menschen sei es, so der Bad Laaspher, was ihn und seine Kameraden ansporne, immer weiter zu machen.

Komplettpaket für Todkranke Menschen

Dabei übernehmen die Bad Laaspher Malteser nicht nur den Transport und die medizinische Betreuung der Patienten, sondern regeln auch alles, was drum herum noch bedacht werden muss. „Wir haben zum Beispiel bald einen Patienten, der Sauerstoff benötigt. Da müssen wir den Ablauf genau takten, damit wir mit den Flaschen hinkommen. Alle Termine und Vorbereitungen, die im Vorfeld abzuklären und zu treffen sind, übernehmen die Malteser. Dabei scheuen sie weder Kosten noch Mühen: „Von 80 Euro bis 1600 Euro war schon alles dabei“, erzählt Michael Hermann. Der schwer kranke Mensch erhält einen rundum Service.

Auch für die Zeit während des Transportes zur eigentlichen Erfüllung des Wunsches haben Michael Hermann und seine Kameraden Vorbereitungen getroffen: „Wir haben eine Ultra-Leicht-Lagerung, um Dekubitusgeschwüren bei längeren Fahrtzeiten vorzubeugen. Unsere Patienten können über einen Monitor Fernsehen schauen, DVDs ansehen, oder MP 3 hören“, erklärt mir Michael.

Dann fahren wir zu Rettungswagenhalle. Das Tor geht hoch. Michael geht zu einem gelb lackierten Rettungswagen. „Das ist er“. Michael kann die Freude darüber nicht verbergen, mir diesen Krankenwagen für die Herzen zeigen zu können. Er führt mir den eben erklärten Fernseher vor. Ein tragbares Gerät. „Die Befestigung habe ich einfach der der Spritzenpumpe, die hier normalerweise hängt, nachempfunden“, erklärt Hermann. Eine Kunststoffplatte hat er zurecht geschnitten und geformt und dann am Fernseher befestigt. „So fällt er eben nicht runter“.

Herzenswünsche finanzieren sich aus Spenden

Krankenkassen oder Versicherungen zahlen die Transporte und die Wunscherfüllungen nicht. „Wir führen ja keine Maßnahmen durch, die die Gesundheit wieder zurück bringen. Also zahlen die Kassen das nicht“, bedauert Michael Hermann. „Die Finanzierung erfolgt ausschließlich über Spenden. Es soll niemals ein Wunsch an finanziellen Mitteln scheitern“, ist er entschlossen.

Auch hier sorgen die Kameraden immer wieder vor. Deshalb veranstalten sie am Sonntag, den 28. Juli ab 11.30 Uhr ein Benefizkonzert auf dem Wilhelmsplatz in Bad Laasphe. Die Bands „ The Broxters“ und „Bogga“ verzichten an diesem Tag auf ihre Gagen. Der Verkauf von Essen und Getränken kommt dem Herzenswunsch Krankenwagen und der Erfüllung der Wünsche zu Gute.

Wer separat spenden möchte, kann dies tun. „Jeder Spender bekommt selbstverständlich auch eine Spendenquittung“, erklärt Michael Hermann. Deshalb sollte bei einer Banküberweisung auch die Adresse angegeben werden, damit die Quittung dann zugeschickt werden kann.

Das Spendenkonto lautet:

Malteser Hilfsdienst Bad Laasphe e.V.

IBAN: DE 66 3706 0120 1201 2162 70

Pax Bank, BIC: GENODED1PA7

Stichwort: Herzenswunsch

Für das Zuschicken der Spendenquittung die Adresse bei der Überweisung mit angeben.

Und wie sieht die nächste Zeit aus? „Am 21. Juli haben wir den nächsten Herzenswunsch, den wir erfüllen“.

Zuletzt geändert am Dienstag, den 02. Juli 2019 um 13:47 Uhr