Vom Unfallwrack ins Feuerwehrauto

Mittwoch, den 10. Juli 2019 um 22:55 Uhr Verfasst von  Matthias Böhl
Kaum vorstellbar, dass aus diesem Autowrack ein Mensch lebend gerettet werden konnte. Kaum vorstellbar, dass aus diesem Autowrack ein Mensch lebend gerettet werden konnte. Fotos: Matthias Böhl, 112-Magazin

ESLOHE. Ich treffe Robin Feldmann. Wir kennen uns schon länger und treffen uns nicht zum ersten Mal. Diesmal aber hat unser Treffen einen ganz besonderen Hintergrund. Eigentlich ist es ein Wunder, dass Robin noch lebt. Heute genau vor sechs Jahren hatte er einen schweren Unfall. Damals war ich an der Einsatzstelle als Berichterstatter und Fotograf tätig.

Sein Auto war an einem Baum in mehrere Teile gerissen worden. Trotz mehrjähriger beruflicher Tätigkeit beim Rettungsdienst und jahrzehntelanger Einsatzfotografie in der Freizeit war ein solches Bild auch für mich Neuland. Nie zuvor hatte ich so etwas gesehen.

Bis zur Unkenntlichkeit war sein schwarzer Kleinwagen deformiert worden, der Motorblock lag mehrere Meter weiter. Mitten auf der Straße. Bei meinem Eintreffen lag Robin bereits im Rettungswagen. In aller Regel sehe ich die Beteiligten eines Unfalles bei meiner Tätigkeit für unser 112-Magazin nicht. Wir beginnen unsere Arbeit erst, wenn die Verletzten aus dem Auto befreit wurden und im Rettungswagen liegen. Nach dem Abtransport ins Krankenhaus habe ich in aller Regel keine Verbindung mehr mit den Opfern eines Verkehrsunfalls. Bei Robin war das anders. Denn wenige Wochen nach dem schweren Unfall schrieb mir ein junger Mann: „Guten Abend, ich hätte mal eine Frage...“. Das war Robin. Jener damals 22 Jahre alte Mann, der mit seinem Wagen zwischen Kückelheim und Eslohe gegen einen Baum geprallt war. Er wollte die Fotos von seinem Unfall haben, hatte im Netz zu „seinem“ Unfall recherchiert und war dabei auf das 112-Magazin gestoßen.

Sechs Jahre später trifft er sich mit mir, um mir diesen Teil seines Lebens zu erzählen und mir geduldig und nett auf meine Fragen dazu zu antworten. Er gibt mir die Chance, aus einer anderen Sichtweise über einen Unfall zu berichten. Er hat den Mut, mit mir über all das zu reden. Wie das war an diesem Morgen, seinem „zweiten Geburtstag“.

„Es war ein ganz normaler Morgen“, erzählt mir der sympathische junge Mann. Er wollte zur Arbeit fahren. Robin hatte Zimmermann gelernt, etwas Handwerkliches. Gegen kurz vor sechs Uhr fuhr er auch an diesem Donnerstag von seinem Wohnort Kückelheim in Richtung Eslohe. „Irgendwas hat am Radio nicht funktioniert und ich wollte es einstellen“, erinnert er sich. Das nächste, was Robin merkte, war ein gewaltiger Einschlag. Der massive Straßenbaum hatte seinen Golf wie eine Sardinendose aufgerollt und den Motor herausgerissen. „Es roch verbrannt und es war neblig von den Airbags“, erinnert sich Robin im Gespräch mit mir. „Danach war ich kurz weg und wurde wieder wach, als sich von rechts ein Auto näherte“. Ein Mann stieg aus und lief auf Robin zu, das Handy in der Hand. Der Ersthelfer telefonierte zu dieser Zeit bereits mit der Leitstelle. „Ich wollte den Sitz zurück fahren“, berichtet Robin. Doch das schaffte er nicht mehr. Robin war eingeklemmt worden, die Fahrerkabine war komplett zerstört. Der junge Mann konnte weder den Sitz zurück fahren, noch das Unfallwrack verlassen. Der Ersthelfer beruhigte Robin: „Junge, warte. Die Feuerwehr kommt jetzt. Die holen Dich raus“, hatte er ihm gesagt. Robin hatte einen Wunsch: „Ruf bitte meine Mutter an“, bat er den Ersthelfer. Erst wollte Robin das selbst machen, vom Unfallfahrzeug aus. Doch auch das ging nicht mehr. Der Ersthelfer rief dann auch Robins Mutter an.

Inzwischen waren bereits erste Rettungskräfte der Rettungswache Eslohe vor Ort und haben noch vor Eintreffen der Feuerwehr mit den Maßnahmen begonnen. Nur Minuten später trafen auch die freiwilligen Feuerwehrleute aus Eslohe ein. „Einer war immer bei mir. Der hat hinter mir gesessen. Die Feuerwehr und der Rettungsdienst haben sehr ruhig mit mir gesprochen und alle Schritte angesagt“, ist Robin beeindruckt. „Ich habe mich zu jeder Zeit sicher gefühlt“.

Inzwischen sind auch seine Mutter und sein Bruder an der Einsatzstelle eingetroffen. „Mama war als Erstes da. Die war natürlich geschockt“, weiß Robin heute noch. Kurze Zeit später war auch Thomas vor Ort, sein Bruder.

Nach einer guten halben Stunde war Robin aus seinem Unfallwrack befreit worden und lag im Rettungswagen. Dort erfolgte dann die detaillierte Untersuchung. „Inzwischen hatte ich Medikamente bekommen und war etwas abgeschirmt“, erzählt er mir. Trotzdem bekommt er weiterhin mit, was um ihn herum geschieht. „Die hatten einen Rettungshubschrauber für mich angefordert. Es war aber so bewölkt und neblig und es war nicht klar, ob überhaupt ein Hubschrauber kommen kann“, erinnert sich Robin. „Ich habe mir auch Gedanken gemacht, wo der überhaupt landen kann, wenn er durchkommt“, erzählt Robin weiter. Während er sich diese Gedanken macht, hört er das Rotorengeräusch des Hubschraubers – Die Piloten der ADAC Luftrettung aus Münster haben es geschafft. Trotz Bewölkung und Nebel sind sie zur Unfallstelle durchgekommen, um Robin in ein Krankenhaus zu fliegen. „Das Tragen zum Hubschrauber habe ich etwas mitbekommen. Während des Fluges bin ich aber immer wieder eingeschlafen. Ich hatte ja Medikamente bekommen“, erklärt er mir. „Das ging auch bis in den Schockraum so. Da wurde dann nach der Untersuchung eine Schnittwunde an der rechten Hand versorgt“, erzählt er. „Mehr habe ich nicht gehabt“. Robin lächelt. Und dann berichtet er weiter: „Ich bin schon am nächsten Tag von der Intensivstation nach Hause entlassen worden“. Bereits vom Unfalltag an hatte Robin sich sehr für die Arbeit der Rettungskräfte an diesem Tag und die Auswirkungen des Unfalls interessiert. „Ich habe nachmittags schon gegoogelt und Eure Fotos gefunden“, lacht er.

Dann endet unser Gespräch. Jetzt muss noch ein Foto gemacht werden. Dazu zieht Robin sich um. Er zieht Feuerwehrkleidung an, nimmt seinen Helm und stellt sich vor dem Rüstwagen des Esloher Löschzuges zum Foto auf. Vor dem Wagen, der damals die notwendige Ausrüstung dabei hatte, um Robin aus dem völlig zerstörten Wrack zu befreien.

Logisch für den jungen Mann, dass er sich persönlich bei seinen Rettern bedanken wollte. „Dann bin ich zu einem Dienstabend der Feuerwehr gegangen und habe erst mal was in die Kasse getan“, lacht er. „Und dann hab ich mir den Dienstabend angeschaut und bin direkt hier hängen geblieben“. Heute ist Robin selbst Feuerwehrmann. Rückt aus, wenn andere Menschen in Not geraten sind, um ihnen zu helfen. Hilft den Kameraden, die ihn damals aus dem Auto gerettet haben. „Ich habe den Rettungsdienst als Erstes gefragt, ob der überhaupt noch lebt“, erinnert sich ein Feuerwehrkamerad von Robin, der unser Gespräch zufällig mitbekommt.

Nicht nur als Feuerwehrmann ist Robin seit seinem Unfall aktiv. Auch in der First-Responder-Gruppe engagiert er sich, kommt also auch bei „normalen“ medizinischen Notfällen zum Einsatz, um Menschen schnelle Hilfe zu bringen und die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes zu überbrücken.

Was denkt Robin eigentlich heute, wenn er an der Unfallstelle vorbei kommt? „Ah! Mein Baum“, wir lachen herzlich.

Dann nimmt Robin mich in seinem Auto mit. Einem Golf 6, wie damals. Er fährt mit mir in Richtung Kückelheim und zeigt mir noch einmal „seinen Baum“. „Hier. Der wars“, sagt er mir. Dann ist es kurz still und wir fahren am Baum vorbei. „Das ist für mich kein Problem. Ich fahre wieder ganz normal Auto“, versichert mir Robin. Als Zimmermann arbeitet er übrigens nicht mehr. Auch beruflich hilft er nun kranken und verletzten Menschen. Robin ist kurz vor dem Abschluss seiner Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger. „Das ist echt geil!“, freut er sich.

Dann stoppt er sein Auto, damit ich aussteigen kann. Er verabschiedet mich mit einem Lächeln und einem Handschlag. „Bis zum nächsten Einsatz“, sagt er zu mir. Ich fahre zurück nach Hause. Voller Anerkennung für so viel Mut, so offen mit mir über diesen schweren Unfall zu reden, mir zu gestatten diesen höchstpersönlichen Lebensabschnitt mit Text und Fotos öffentlich zu machen, so geduldig und freundlich meine Fragen zu beantworten. Und nicht zuletzt darüber, nun selbst als Feuerwehrmann, First-Responder, oder Krankenpfleger für in Not geratene Menschen einzustehen. Rund um die Uhr.