Frankenberger Rettungsdienst-Azubis gehen ihren Weg

Freitag, den 28. Februar 2020 um 18:05 Uhr Verfasst von  Matthias Böhl
Fabian Lütteken, Lara Scheller und Eric Schröder, drei Notfallsanitäterazubis des DRK Kreisverband Frankenberg gehen motiviert ihren Weg, um Menschen in Not zu helfen. Fabian Lütteken, Lara Scheller und Eric Schröder, drei Notfallsanitäterazubis des DRK Kreisverband Frankenberg gehen motiviert ihren Weg, um Menschen in Not zu helfen. Foto: Matthias Böhl, 112-Magazin

WALDECK-FRANKENBERG. Was bewegt einen jungen Menschen dazu, einen anspruchsvollen Beruf mit hoher Verantwortung zu wählen? Wie gehen junge Erwachsene mit besonders belastenden Situationen um? Sind die Ausbilder in der Schule streng? Was macht den Reiz an einem Arbeitsplatz im Rettungsdienst aus?

Heute habe ich drei junge Menschen getroffen, die den Mut haben, mir all diese Fragen zu beantworten und die mir einen Einblick gewähren: In ihre Motivationen, Gedanken, Wünsche und Einstellungen – vielleicht auch in ihre Befürchtungen, Sorgen oder Bedenken.

Frankenberg, Auestraße. Hier befindet sich der DRK Kreisverband Frankenberg, der im Süden des Landkreises den Rettungs- und Notarztdienst sicherstellt.

Hier werde ich von drei jungen und auf den ersten Eindruck bereits sehr netten Menschen in Empfang genommen. „Die sitzen schon hier, wie die Hühner auf der Stange“, scherzt Jens Köster. Er ist der Rettungsdienstleiter des DRK Kreisverband Frankenberg und hat die drei Auszubildenden in den Aufenthaltsraum der Rettungswache, die ebenfalls im DRK Kreisverband untergebracht ist, gebeten. Ich stelle mich kurz vor und sage, was ich vorhabe. Neben den drei „Akteuren“ unserer Serie sind auch noch viele andere Rettungsdienstmitarbeiter vor Ort. Die, die heute ihren Dienst versehen. Ich kenne die drei Auszubildenden, die bereit sind, mir über ihre Arbeit zu erzählen, nicht. Ich sehe sie heute zum ersten Mal. Sie stehen auf, kommen zu mir, begrüßen mich per Handschlag und stellen sich vor. Tolle Geste. Ich bin auf Anhieb begeistert.

Wir gehen runter in die Fahrzeughalle. Denn gerade lässt sich die Sonne blicken und so wollen wir erst Fotos machen und danach zusammen reden. Lara Scheller, das ist eine der drei Auszubildenden, die heute für mich da sind, setzt sich ans Steuer des Rettungswagens, während Fabian Lütteken, der zweite im Bunde mit mir in den Patientenraum steigt. Eric Schröder, der dritte Azubi heute, ist Laras „Beifahrer“. Einige Meter fahren wir zu einem großen, freien Parkplatz, um die Fotos zu machen.

Vom Garten-und Landschaftsbau zum Rettungsdienst

Beim anschließenden Gespräch in der Wache erzählt Fabian mir, dass er eigentlich gelernter Garten- und Landschaftsbauer ist. Über eine Tätigkeit im Krankentransport bei der Diakonie und seinen Onkel – Leitstellendisponent, Rettungsdienstmitarbeiter und Feuerwehrmann – sei er dann dazu gekommen, sich noch mal für eine neue Berufsausbildung zu bewerben. Fabian möchte, genau wie seine beiden Mitstreiter Lara und Eric Notfallsanitäter werden.

„Menschen zu helfen, egal in welcher Situation sie sich befinden, das macht es aus“, erzählt mir der junge Mann mir bereits in den ersten Minuten des Gesprächs mit großer Begeisterung. Das ist ehrlich, kommt von Herzen. Das merkt man sofort. „Sie einfach nach Hause zu tragen, oder mit ihnen zum Arzt zu gehen – das ist eigentlich egal“, fährt er fort. Natürlich sei aber auch ein sehr großes Interesse an der Notfallmedizin ein ganz entscheidender Punkt für den 23-Jährigen.

Darauf wird er nicht nur in der Rettungswache gut vorbereitet – auch im DRK Bildungszentrum Mittelhessen in Marburg und in der der dortigen Uniklinik wird Fabian für seinen Einsatz fit gemacht: „Im Krankenhaus zum Beispiel, gab es am Anfang schon eine Hemmschwelle für mich. Das war ja eine völlig neue Situation“, erklärt Fabian, als ich ihn nach seinem ersten Patientenkontakt während des Praktikums frage. „Aber das Pflegepersonal ist richtig gut und mittlerweile ist das so, als würde ich das schon immer machen“, freut sich der junge Mann, der gerade im dritten und letzten Ausbildungsjahr ist, und im Sommer seine Prüfung absolviert. Schiss davor? „Auf jeden Fall!“ Da antworten auch die beiden anderen spontan. Sie lachen aber auch alle. Denn man werde sehr gut vorbereitet, unterstreicht Fabian. „Hier ist es so, dass wir im ersten Jahr im Einsatz nur beobachten und schauen sollen und gar nicht weiter tätig werden bei den Einsätzen“, beschreibt er. „Wir sollen lernen einen Patienten, eine Wohnung, oder eine Umgebung einzuschätzen. Und sehen und erkennen, wie die Kollegen einen Einsatz abarbeiten – durch Zusehen lernen“. Ist es denn nicht schwer, zuzuschauen, wenn die Kollegen arbeiten? „Ich war froh, dass ich dieses Jahr hatte und viel mitnehmen konnte. Das war in dieser Situation nicht schwierig für mich. Jetzt, im dritten Jahr, ist es selbstverständlich für mich, einen Einsatz abarbeiten zu können“, nennt er mir die Vorzüge dieser Vorgehensweise.

Bevor ich mit Lara weiter spreche, hat Fabian noch einen Appell an die Menschen da draußen: „Die Leute, vor allem auch Jugendliche, sollten darüber nachdenken, wofür der Rettungsdienst wirklich da ist: Nicht, um Betrunkene nach Hause zu fahren, oder für Bauchschmerzen seit drei Wochen. In der Zeit, wo wir bei so einem Einsatz gebunden sind, kann woanders ein Mensch sterben, weil ein Rettungsteam von weiter weg kommen muss“, gibt der junge Mann zu bedenken.

"Ich würde das immer wieder machen - nur viel früher"

Lara ist zu ihrer Ausbildung, die sie ganz frisch erst im September begonnen hat, „nach Hause gekommen“, als es zum ersten Wachenpraktikum ging. „Ich war vorher hier schon in einer hauptamtlichen Stelle als Rettungssanitäterin beschäftigt“, erzählt sie mir und ist unverkennbar stolz auf ihren Werdegang. „Das war ein sehr schönes Gefühl, zum ersten Praktikum endlich wieder hier her kommen zu dürfen“, berichtet sie mit einem Strahlen im Gesicht. Warum die feste Stelle als Rettungssanitäterin aufgegeben und noch mal die Strapazen einer Ausbildung auf sich nehmen? Das interessiert mich. „Der medizinische Hintergrund hat mich schon immer sehr interessiert und ich wollte noch mehr lernen und auch alleinverantwortlich Entscheidungen treffen dürfen“, erklärt mir Lara. Einen Weg, den sie nicht bereut hat: „Ich würde das jederzeit wieder machen, nur früher“, lacht sie. Das Besondere am Rettungsdienst macht für die junge Frau die Abwechslung aus: „Vor der Tätigkeit im Rettungsdienst habe ich in einem Behindertenwohnheim gearbeitet. Im Rettungsdienst waren die medizinischen Aspekte aber viel abwechslungsreicher. Aber die Richtung, das Medizinische, und Menschen helfen zu können - das passte von Anfang an“, erzählt sie. Dass Lara dabei auch an Feiertagen, oder am Wochenende arbeiten muss, macht ihr nichts aus. Ganz im Gegenteil: „Ich habe diese Dienste gerne. Ich gehe sowieso nicht feiern und trinke auch nichts“, verrät sie. Dann sei es viel sinnvoller, in der Woche mal einen Tag frei zu haben, an dem man dann Amtsbesuche, Arzttermine, oder andere Termine passend legen und wahrnehmen könne. Ich frage Lara, welche Einsatzmeldungen bei ihr den Stresspegel erhöhen. „Verkehrsunfall“, das kommt wie aus der Pistole geschossen. „Da weiß man nie, was einen erwartet. Bei den anderen Meldebildern wird schon etwas klarer, was los sein könnte, bei einer Atemnot zum Beispiel“, erklärt Lara. Sie berichtet mir von einem Verkehrsunfall, der ihr besonders in Erinnerung geblieben ist: „Das war ein Motorradunfall. Der Fahrer war in einen Hang gestürzt und musste durch Unterstützung der Feuerwehr aufwändig gerettet werden“, erinnert sie sich. Und doch verrät sie mir: „Man wird aber ruhiger und das ist auch wichtig, damit der Patient auch optimal versorgt wird“. „Das kommt einfach mit der Zeit“, erklärt Lara. Auch Lara frage ich, ob es etwas gibt, was unbedingt Erwähnung in ihrer Geschichte zur Serie finden sollte. Sie berichtet mir von einem Wunsch, den sie hat: „Der Rettungsdienst sollte als das anerkannt werden, was er auch ist: Ein Beruf mit viel medizinischem Wissen, medizinischen Maßnahmen vor Ort und einer intensiven Beschäftigung mit dem menschlichen Körper“, macht Lara deutlich. „Das ist kein Job, den man mal eben machen kann“.

"Es bringt nichts, zehn Minuten auf den Rettungsdienst zu warten und nichts zu tun - Dann ist der Zug abgefahren!"

Eric Schröder ist das Nesthäkchen. Er ist 20 Jahre alt und direkt mit dem 18. Lebensjahr in die Ausbildung eingestiegen. „Bis ich volljährig war und im Rettungsdienst anfangen durfte, habe ich als Überbrückung in einem Altenpflegeheim gearbeitet“, berichtet er mir über seinen Weg zum Rettungsdienst. Das Interesse für die Notfallmedizin sei schon immer sehr groß gewesen und es sei niemand aus der Familie bereits im Rettungsdienst, oder einem Medizinberuf tätig. Eric befindet sich auch, genau wie Fabian, im dritten Lehrjahr, hat im Sommer seine Prüfung. Was ist für ihn das Besondere am Rettungsdienst? „Man übernimmt sehr viel Verantwortung“, macht Eric deutlich. Dennoch kann er ganz freien Herzens sagen: „Ich habe diese Entscheidung auf gar keinen Fall bereut“. Zwar gebe es Dinge, die man wissen und mit denen man sich auseinandersetzen müsse, aber das sei bisher kein Problem für ihn. „Den Schichtdienst, körperliche oder psychische Belastungen, die manche Einsätze mit sich bringen – das muss man schon mögen“, gibt er zu bedenken. „Wenn man merkt, dass man erlebte Eindrücke nicht wegstecken kann, muss man sich das auch selbst eingestehen“, warnt der junge Mann. Zum Glück, so erzählt Eric mir, komme es nicht so oft vor, dass Einsätze eine außergewöhnlich hohe Belastung mitbringen. „Alles was mit Tod und Sterben zu tun hat, insbesondere bei jüngeren Menschen, ist in diesem Moment belastend“, erklärt er. Aber dennoch sei er niemand, der diese Eindrücke dann mit nach Hause nehme“, ist er erleichtert. „Und wenn ein belastender Einsatz war, dann gibt es gute Nachbesprechungen dazu. Die Kollegen haben auch ein sehr wachsames Auge darauf, wenn es jemandem nicht gut geht“, freut er sich über den Zusammenhalt. Nicht nur in der Wache, sondern auch in der Schule, dem DRK Bildungszentrum Mittelhessen, werde man sehr gut auch auf belastende Einsatzsituationen vorbereitet. „Es gibt extra Fallbeispielübungen dafür“, berichtet Eric. Doch damit noch nicht genug: „Es werden auch entsprechende Unterrichte in Gesprächsführung oder Psychologie absolviert“, erzählt er mir weiter.

Eric kann mir aber auch von ernsten Situationen berichten, in denen die Patienten gar nicht realisieren, wie knapp das eigentlich war: „Wir hatten mal einen Einsatz bei einem Betrunkenen, der sich versehentlich eine Glasscherbe in den Hals gestochen hatte“, berichtet er mir. „Der Mann hatte riesiges Glück, die Halsarterie nur knapp verfehlt, und es war eine richtig tiefe Wunde“, erinnert er sich. „Dann wollte der nicht mit fahren. Trotz des riesigen Lochs im Hals hat er immer wieder ungläubig gefragt: Das ist doch gar nichts, weshalb wollt ihr mich mitnehmen. Was soll das denn hier?“ Was im Moment des Gesprächs amüsant anmuten mag, war in Wirklichkeit jedoch sehr ernst. „Man muss bei allen Patienten, auch wenn sie mal betrunken sind und auch schon mal viele witzige und coole Sachen erzählen, trotzdem ernst bleiben und ihnen die Notwendigkeit der Maßnahmen vor Augen führen. Aber manchmal ist das nicht einfach“, erklärt er.

Einmal vielleicht Praxisanleiter zu werden, dann selbst junge Kollegen auszubilden, oder als „Paramedic“ ins Ausland zu gehen – das kann Eric sich für seine Zukunft vorstellen. „Aber erst mal will ich hier bleiben“, macht er deutlich. Ob die drei übernommen werden, steht noch nicht fest. „Aber normal schon“, hoffen alle zusammen.

Dann neigt sich unser Gespräch schon dem Ende entgegen und auch Eric bitte ich, mir etwas mitzuteilen, was er im Artikel unbedingt wieder finden möchte. Eric liegt es sehr am Herzen, „dass die Menschen sich mit Erster Hilfe auseinander setzen. Es bringt nichts, zehn Minuten auf den Rettungsdienst zu warten und bis zum Eintreffen nichts zu tun. Dann ist der Zug abgefahren“, macht der junge Mann am Beispiel einer Reanimation deutlich.

Ich habe mit Fabian, Lara und Eric drei tolle, junge und liebe Menschen kennen gelernt, die mich mit ihrer Einstellung sehr beeindrucken. Die zum Ende des Gespräches wieder mit Handschlag zu mir kommen. Die sich freundlich bedanken. Die extra wegen unserer Serie und dem Termin in ihrer Freizeit noch mal zur Dienststelle gekommen sind. Die sich eigens dafür umgezogen haben. Die sich Zeit für mich genommen haben und alle meine Fragen mit großer Geduld beantwortet haben. Die einfach richtig tolle Auszubildende sind.