Neues System leitet Notfallversorgung 2.0 im Kreis ein

Dienstag, den 27. September 2016 um 10:05 Uhr Verfasst von  Sascha Pfannstiel
Im Notfall zählt jede Sekunde. Ein neues Kommunikationssystem sorgt für einen noch besseren Informationsfluss zwischen Rettungskräften, Leitstelle und Kliniken. Im Notfall zählt jede Sekunde. Ein neues Kommunikationssystem sorgt für einen noch besseren Informationsfluss zwischen Rettungskräften, Leitstelle und Kliniken. Foto: pfa/Archiv

WALDECK-FRANKENBERG. Im Notfall zählt jede Sekunde, um das Leben eines Patienten zu retten oder die Folgeschäden auf ein möglichst geringes Maß zu beschränken. Je besser und reibungsloser auch der Transport in die richtige Klinik und die dortige Weiterbehandlung erfolgen, desto höher ist die Überlebenschance. Das neue und übergreifende Kommunikatiossystem IVENA soll Retter, Leitstellen und Kliniken bei der bestmöglichen Versorgung unterstützen. In Waldeck-Frankenberg beteiligt man sich ab 1. Oktober an der Plattform, die der Landkreis als "Notfallversorgung 2.0" bezeichnet.

Das webbasierte System, das seit 2014 zum Beispiel in Stadt und Kreis Kassel erfolgreich zur Anwendung kommt, arbeitet ohne persönliche Daten des Patienten. Vielmehr verwendet IVENA - kurz für Interdisziplinärer Versorgungsnachweis - mit Codes: Diese setzen sich einfach gesagt zusammen aus Zahlen für die Erkrankung oder Verletzung, das Alter und die Dringlichkeit der Versorgung - vom akuten, lebensbedrohlichen Notfall bishin zu einer leichteren Erkrankung oder Verletzung mit vermutlich lediglich ambulanter Folgebehandlung. Zusätzliche Angaben geben weitere Informationen, die für die Behandlung in einem Krankenhaus wichtig sind: Ist eine bei einem Verkehrsunfall Verletzte beispielsweise schwanger, so sollte sie in eine Klinik eingeliefert werden, die die chirurgische Versorgung übernimmt und über eine gynäkologische Abteilung im eigenen Haus verfügt.

Wie muss man sich den Einsatz von IVENA vorstellen? Treffen Notarzt und/oder Rettungswagenbesatzung nach einem medizinischen oder chirurgischen Notfall, einem Verkehrs- oder Arbeitsunfall beim Patienten ein, übernehmen die Rettungskräfte sofort die medizinische Versorgung. Sobald wie möglich wird der Rettungsleitstelle telefonisch oder per Funk der beschriebene IVENA-Code übermittelt. Das System gleicht diese Daten mit der Verfügbarkeit der umliegenden Kliniken ab und erlaubt eine sofortige Anmeldung dort. Umgehend kann sich eine Klinik somit auf einen Patienten vorbereiten, zum Beispiel den Schockraum besetzen oder ein mehrköpfiges Traumateam zusammenrufen. Sogar die geplante Ankunftszeit des Rettungswagens kann übermittelt werden.

Richtige Entscheidung für den Patienten
"Mit dem System kann in Zukunft im Notfall noch schneller die richtige Entscheidung für den Patienten getroffen werden", verdeutlichte Erster Kreisbeigeordneter Jens Deutschendorf bei der Vorstellung des Sytems im Korbacher Kreishaus. Deutschendorf ist Dezernent für den Rettungsdienst bei der Kreisverwaltung. Alle Beteiligten könnten mit IVENA besser miteinander kommunizieren und die Belegung optimal koordinieren.

"Bislang ist es so, dass jeder Notfallpatient von Rettungsdienst, Notarzt oder Leitstelle im Krankenhaus telefonisch angemeldet wird", zog Dr. Rudolf Alexi, Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes in Waldeck-Frankenberg, den Vergleich zum aktuellen Verfahren. Umgekehrt würden Kliniken sich bei der Leitstelle abmelden, wenn die Kapazitäten zur Aufnahme von Notfallpatienten erschöpft seien. Dieses Verfahren sei bisher als "Bettennachweis" geführt worden. Der neue Interdisziplinäre Versorgungsnachweis stelle all dies transparent und in Echtzeit bereit, erklärte Alexi. Das kommunen- und länderübergreifende System erleichtere den Leitstellen das Disponieren und sorge für eine effektivere Nutzung der Klinik-Kapazitäten, zeigte sich der Ärztliche Leiter Rettungsdienst überzeugt. Dies stelle insbesondere für den akuten Notfallpatienten eine erhebliche Verbesserung in der Versorgung dar.

Der Fachdienstleiter für Rettungsdienst, Brand- und Katastrophenschutz im Landkreis, Gerhard Biederbick, ließ sämtliche seiner Leitstellenmitarbeiter schulen. Auch die Mitarbeiter des Rettungsdienstes und der Kliniken nahmen an Schulungen teil. IVENA werde an diesem Samstag, 1. Oktober, in Betrieb genommen und solle in einer dreimonatigen Testphase geprüft und eventuell verbessert oder angepasst werden. Bei der Versorgung und Zuweisung von rund 24.000 Patienten in Waldeck-Frankenberg würden alle Beteiligten und vor allem die Betroffenen selbst von dem System profitieren.

Hintergrund
IVENA wurde quasi aus der Praxis heraus entwickelt: Die Softwarefirma Mainis IT-Service GmbH schrieb das Programm vor einigen Jahren auf Anforderung und im Auftrag der Stadt Frankfurt, die ein Werkzeug benötigte, um die vielen Kliniken und Patienten in der Mainmetropole effektiv zu organisieren. Das dabei entstandene System entpuppte sich als Anwendung, die überregional von Nutzen ist. Seither vertreibt die Softwarefirma das digitale Tool. Der Landkreis zahlt einmalig etwa 13.000 Euro an Lizenzkosten. Kliniken und Rettungsdienste zahlen keine Lizenzkosten. Gehostet wird die Anwendung aus Sicherheitsgründen beim Kommunalen Gebietsrechenzentrum Ekom 21. Einen Einblick in das System kann sich jeder Internetnutzer unter der Adresse ivena-hessen.de verschaffen. Dort sieht der Laie zwar Klinikkapazitäten, kann aber nicht in das System eingreifen. Patientendaten sind nicht vorhanden und somit nicht sichtbar. (pfa) 

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Zuletzt geändert am Dienstag, den 27. September 2016 um 11:32 Uhr