Bobby-Car ausreichend gesichert - Kettenbagger nicht

Dienstag, den 14. Februar 2017 um 23:20 Uhr Verfasst von  Sascha Pfannstiel

ZIERENBERG/WALDECK-FRANKENBERG. Bei jedem zweiten von insgesamt 86 überprüften Lastwagen und Transportern hatte die Polizei etwas auszusetzen während einer Kontrollaktion auf der Rastanlage Bühleck-Süd. Beamte des "Kontrolltrupps Nordhessen" warfen am Montag einen genauen Blick auf den Güterverkehr.

Auch mehrere Polizisten, die in Waldeck-Frankenberg ihren regulären Dienst versehen, gehören dem Kontrolltrupp an. Dabei handelt es sich um eine regelrechte "Spezialeinheit", denn dieser Gruppe gehören nur ausgewiesene Spezialisten nordhessischer Polizeidienststellen an, die in Sachen Güterkraftverkehr bestens Bescheid wissen. Themen wie Ladungssicherung, Lenk- und Ruhezeiten, Vorschriften beim Transport von gefährlichen Gütern oder die Technik von Lastwagen kennen diese Polizisten aus dem effeff. Jede Menge Erfahrung, ein gutes Auge und nicht zuletzt das richtige Bauchgefühl sind bereits nötig, wenn die Beamten in Sekunden entscheiden, welcher Brummi in die Kontrollstelle "gezogen" wird.

Montagvormittag, 10.49 Uhr, A 44, Fahrtrichtung Kassel: Ein Streifenwagen setzt sich gut einen Kilometer vor der Rastanlage Bühleck vor einen Lastwagen, der einen Kettenbagger transportiert. Das Polizeifahrzeug eskortiert den Lkw in die Kontrollstelle auf der Rastanlage, wo die Beamten sich die Papiere des Fahrers zeigen lassen, die Fahrerkarte aus dem digitalen Tachograph auswerten und die Ladungsdokumente einsehen. "Der ist vermutlich zu hoch", kommentiert Polizeihauptkommissar Ralf Werner, üblicherweise Chef beim Regionalen Verkehrsdienst in Korbach und derzeit kommissarischer Leiter der Polizeiautobahnstation Baunatal, den Grund für die Kontrolle. Werner und auch seine Kollegen aus dem Streifenwagen sollen Recht behalten.

Bobby-Car bombenfest verzurrt
Der Arm des verladenen Baggers ragt so weit nach oben, dass die zulässige Gesamthöhe des Lastwagens um 31 Zentimeter überschritten ist. Zu schwer ist das Gespann ebenfalls. Eine Ausnahmegenehmigung dafür kann der Trucker nicht vorlegen. Doch damit nicht genug: Ein Gutachter der Dekra, der auch an der Kontrolle beteiligt ist, äußert Bedenken: Die schwere Baumaschine ist auf dem Lkw nicht ausreichend gesichert. Ganz anders sieht das bei dem kleinen Bobby-Car aus, das der Lasterfahrer "aus Jux" noch mit auf der Ladefläche transportiert. Verzurrt mit einem breiten Spanngurt, sitzt das Kunststoff-Kinderauto bombenfest. Das hätten sich die Beamten auch für den Kettenbagger gewünscht. Die Polizisten untersagen die Weiterfahrt. "Der Fahrer muss nachsichern, den Arm des Baggers, wenn möglich, absenken und die für das zu hohe Gesamtgewicht nötige Urkunde beantragen und uns vorlegen", erklärt Werner die Folgen, "erst dann darf er die Fahrt fortsetzen." Den Mann erwartet zudem ein Bußgeld - das muss auch derjenige berappen, der den Lkw beladen hat.

Risiko: Schnelle Kleintransporter mit hoher Zuladung
Ebenfalls "nachsichern" muss ein Sprinterfahrer, den Jens Herrmann und Antonio Diaz-Eierding an diesem Tag kontrollieren. Hermann ist normalerweise Dienstgruppenleiter bei der Polizeistation Bad Arolsen und derzeit kommissarischer Leiter des Verkehrsdienstes, dem Diaz-Eierding seit mehreren Jahren angehört. Beide Beamte engagieren sich im Kontrolltrupp Nordhessen, geben ihre Erfahrungen an diesem Tag auch an einen Polizeipraktikanten weiter - und auch an den Sprinterfahrer: "Wir wollen nicht nur einen Missstand aufdecken, sondern auch eine Lösung präsentieren", erklärt Diaz-Eierding und zeigt, wo und wie die Spanngurte richtig anzulegen sind.

Ralf Werner erklärt, dass die Schwerlastprofis der Polizei auch immer häufiger Mercedes Sprinter und ähnliche Kleintransporter anderer Hersteller kontrollierten. Fahrzeuge dieser Bauart hätten häufig eine hohe Motorleistung, reichlich Laderaum und unterlägen keinerlei Geschwindigkeitsbeschränkungen. Dies stelle eine häufig unterschätzte Gefahr dar, verdeutlicht der Hauptkommissar. Würde bei hohem Tempo zum Beispiel in einer Kurve die Ladung verrutschen, könne dies zu einem schweren Unfall führen. Genau solche Folgen wolle man mit Kontrollen dieser Art verhindern. Generell gehe es den Beamten nicht etwa darum, das Transportgewerbe zu drangsalieren; vielmehr wolle man um Verständnis für die vorhandenen gesetzlichen Regelungen werben und auf diese Weise Unfallprävention leisten. Viele Lkw-Fahrer hätten Verständnis für die Überprüfungen, selten nur würden die angehaltenen Fahrer ausfallend reagieren.

"Mein Leben, meine Existenz"
Dass ein ordentlicher technischer Zustand und eine optimale Ladungssicherung auch im eigenen Interesse eines Lkw-Fahrers liegt, hat Berufskraftfahrer Horst Möller schon lange kapiert. "Das ist mein Leben, meine Existenz", sagt der Vollbluttrucker ganz überzeugt. "Wenn etwas nicht in Ordnung ist, verliere ich meinen Job, da kennt unser Chef kein Pardon", erzählt der Detmolder, der mit einer Fuhre flüssigen Industrieklebers unterwegs nach München ist. Die Kontrolle seines Sattelzuges ist daher auch nach wenigen Minuten vorbei - und endet mit einem dicken Lob von den Polizisten.

"Das ist wirklich ein Musterbeispiel, wie es sein soll", sagt einer der Beamten noch, als Möller wieder auf den "Bock" steigt und die Maschine des Brummis anlässt. Wenige Meter entfernt rollt in diesem Moment ein Lastwagen, der mit vier geladenen Sattelzugmaschinen unterwegs nach Osteuropa ist, auf die mobile Waage. Damit ist die Polizei in der Lage, direkt an einer Kontrollstelle das Gesamtgewicht eines Lkw zu überprüfen. In diesem Fall "drückt" der überprüfte Laster aber weniger als 40 erlaubten Tonnen.

Elf Brummis müssen stehenbleiben
Neben den 40 Polizisten des Kontrolltrupps und dem Dekra-Gutachter sind an der Aktion auch Kräfte des Bundesamtes für Güterkraftverkehr (BAG) beteiligt, zwei Feldjäger der Bundeswehr aus Fritzlar schauen sich die Kontrollen ebenfalls an. Insgesamt 86 Last- und Lieferwagen werden überprüft - bei 44 Fahrzeugen gibt es etwas zu beanstanden. In 28 Fällen sind dies Verstöße gegen die Lenk- und Ruhezeiten, also die sogenannten Sozialvorschriften. Elf Lastwagen müssen - wie der Baggertransport - stehenbleiben, weil Papiere fehlen, die Ladungssicherung nicht ausreicht oder technische Mängel bestehen. Gegen einen Lkw-Fahrer ergeht Strafanzeige, weil er Drogen konsumiert hat. In einem weiteren Fall besteht der Verdacht, dass der Fahrer keinen gültigen Führerschein besitzt. Die Ermittlungen dazu dauern noch an.

Über eines sind die Beamten aber mehr als zufrieden: Kein einziger "rollender Schrotthaufen" ist an diesem Tag auf der A 44 unterwegs. Kein Grund jedoch für die Ordnungshüter, die Bemühungen in diesem Feld zurückzufahren. Auch künftig wird es Aktionen des Kontrolltrupps geben. Auch dann bringen sich wieder Beamte aus Waldeck-Frankenberg ein - mit jeder Menge Erfahrung, einem guten Auge und dem richtigen Bauchgefühl...


Zuletzt geändert am Mittwoch, den 15. Februar 2017 um 09:57 Uhr