Von einem Lebensretter am Telefon

Sonntag, den 28. August 2016 um 21:40 Uhr Verfasst von  Matthias Böhl
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Leitstellendisponent Lars Hein an seinem Arbeitsplatz. Im 24-Stunden Dienst disponieren er und seine Kollegen im Kreis Siegen-Wittgenstein sämtliche Feuerwehr- und Rettungseinsätze. Leitstellendisponent Lars Hein an seinem Arbeitsplatz. Im 24-Stunden Dienst disponieren er und seine Kollegen im Kreis Siegen-Wittgenstein sämtliche Feuerwehr- und Rettungseinsätze. Fotos: Matthias Böhl

Bei einem Unfall oder einem medizinischen Notfall, ebenso bei einem Großbrand oder bei Unwettereinsätzen erfolgt der wichtigste Teil der Arbeit hinter den Kulissen. Ohne die Disponenten der Leitstellen könnten die Rettungskräfte garnicht erst zum Einsatz geschickt werden. Wir erhielten schon vor einiger Zeit einen spannenden Einblick in die Arbeit eines Disponenten in der Leitstelle des Kreises Siegen-Wittgenstein.

"Frau kaum ansprechbar"
Es ist ruhig an diesem Morgen in der Kreisleitstelle. Drei Disponenten sitzen an ihren Arbeitsplätzen vor den Einsatzleitrechnern. Vier Monitore, ein Display für angehende Anrufe, akustische Signale von Brandmeldeanlagen oder Sprechwünsche der Rettungsfahrzeuge, eine große Hinweistafel mit Funkkanälen – all das muss Lars Hein während seines Dienstes im Auge behalten und im Zweifel innerhalb weniger Sekunden reagieren und lebenswichtige Entscheidungen treffen. Er ist einer der Disponenten, die heute auf den Kreis Siegen-Wittgenstein aufpassen.

Wir kommen ins Gespräch und der junge Mann erzählt mir, was ihn an diesem Beruf besonders reizt: „Man hat einen Überblick über alle Rettungsmittel und Feuerwehren im gesamten Kreisgebiet. Das alles koordinieren zu können und die richtigen Entscheidungen zu treffen, macht das sehr interessant“, erzählt er. Dann wird unser Gespräch unterbrochen, eh ich es überhaupt mitbekomme. „Notruf Rettungsdienst und Feuerwehr. Guten Tag. Von wo rufen Sie denn an? Atmet die Dame noch?, Alles klar. Wir kommen sofort zu ihnen. Schicken Sie bitte einen Einweiser nach draußen“. Noch während Lars Hein mit dem Anrufer spricht, erhalten die Teams von Rettungswagen und Notarzteinsatzfahrzeug ihren Einsatzbefehl. „Frau kaum ansprechbar“, werden sie auf ihren Meldern lesen. Während der Notrufabfrage hat der Disponent bereits die Rettungskräfte alarmiert und zum Notfallort geschickt. Keine Minute ist seit dem Anruf vergangen, da sind die Rettungskräfte bereits auf dem Weg.

Lebensretter am Telefon
Als wäre nichts gewesen, wendet er sich mir wieder zu und ergänzt: „Man kann vieles parallel machen. Das ist auch immer sehr interessant“. Nicht immer verläuft ein Notruf so ruhig, wie dieses Mal, erklärt der 26-jährige Siegener. „Kürzlich hat mich eine Mutter angerufen und mir mitgeteilt, dass ihr Kind keine Reaktion mehr zeigt. Die Frau war sehr aufgeregt und hat sehr schnell gesprochen. Sie hat sich mit der Stimme überschlagen. Das ist für die Menschen eine absolute Ausnahmesituation, so etwas darf man nie vergessen“, mahnt der Disponent. Er hat es geschafft, die Frau beim Anruf zu beruhigen. „Es ist jetzt schon Hilfe unterwegs“, hat er ihr gesagt. Und dann: „Und jetzt sage ich Ihnen, was wir noch gemeinsam bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes tun können“. Zu dieser Zeit starten bereits Rettungswagen, Notarzt und Rettungshubschrauber zur Einsatzstelle. Routiniert und beruhigend schafft Lars es, die Frau dazu zu bewegen, ihm zu zuhören und die Anweisungen vom Telefon an einen Ersthelfer weiter zu geben. Das Problem dabei: „Du kannst es halt nicht anpacken. Ich sehe nicht, was da vor Ort los ist. Ich muss mich darauf verlassen, dass die Menschen das tun, was ich ihnen am Telefon sage. Das Auge, was so wichtig ist, habe ich in dem Moment am Telefon nicht. Wenn ich selber zu einem Notfallort komme, sehe ich was da los ist“, schildert der Disponent.

Gerade die Zeit bis zum Eintreffen ist sehr wichtig für den Patienten, erklärt Lars Hein. „Diese Zeit entscheidet über das Outcome für den Notfallpatienten“, ist er sich der Verantwortung seiner Arbeit bewusst. Dass seine Entscheidung richtig war, weiß Lars bereits wenige Minuten nach Eingang des Notrufes: „Nach den ersten Maßnahmen über Telefon habe ich das Kind bereits vor Eintreffen des Rettungsdienstes schreien hören“, erinnert er sich noch gut an diesen Notfall. Sein Blick kann jetzt nicht mehr verbergen, dass ihn dieses Ergebnis gefreut hat. „Man freut sich natürlich sehr mit den Leuten“, berichtet er und wird für einen kurzen Moment still. Dann fährt er fort: „Ich war unheimlich erleichtert, aber dafür sitze ich hier. Das ist mein Beruf, und das geht uns allen so“.

Nur wenige Sekunden vom Anruf bis zum Einsatz
Gänsehaut. Diese Beschreibung lasse ich erst einmal einwirken, während Lars dem nächsten Menschen am Telefon hilft. Freundlich und beruhigend redet er auf die Frau ein, die ihren Mann bewusstlos vorgefunden hat. Wieder nehmen seine Finger den gelben Stift und tippen auf der Computertastatur den Alarmtext ein, den er in diesem Moment seinen ehemaligen Kollegen der Rettungswache Kreuztal auf die Einsatzmelder schickt. Um das parallel machen zu können, trägt Lars während seiner Arbeit Kopfhörer mit Sprechbesteck. „Einen ziehe ich nie aufs Ohr, damit ich auf einem Ohr den Funk und auf dem anderen den Anruf hören kann“, schildert er. Sie seien schon ein wenig „multitaskingfähig“, lacht er dabei. Auch hier hat es nach dem Anruf nur knapp über 30 Sekunden gedauert, bis die Rettungsfahrzeuge auf der Straße waren. „Mit dem Annehmen des Anrufes beginnt die Hilfsfrist“, erklärt Lars. Die darf laut Gesetzgeber nur acht bis zwölf Minuten dauern. Auf einem anderen Monitor blinkt ein roter Pfeil auf der Landkarte auf und zeigt die genaue Einsatzadresse. Bei Nachfragen kann Lars den anrückenden Kräften eine genaue Wegbeschreibung geben.

Kurze Zeit später meldet sich das Rettungsteam, was er als erstes alarmiert hat, per Funk bei ihm: Sie wollen eine Frau ins Weidenauer Krankenhaus bringen, die bewusstlos war, jetzt aber wieder wach ist. Damit das klar geht, dass das Krankenhaus Bescheid weiß und ein Bett organisiert wird - auch dafür ist Lars jetzt zuständig. Ein kurzes, freundliches Telefonat und dann ist alles klar. „Weidenau erwartet Euch“, so die kurze Rückmeldung an den Notarztwagen irgendwo da draußen im Kreisgebiet. Damit ist der Einsatz für Lars abgearbeitet. Wie es den Patienten hinterher geht, oder ob alles gut gegangen ist, erfahren Lars und seine Kollegen in der Regel nicht.

Rund um die Uhr im Einsatz
Rund um die Uhr sind sie für das Anliegen der Anrufer da, im 24-Stunden-Dienst. Heute geht Lars um 14 Uhr in die Bereitschaftszeit. Hier können sie im Notfall aber immer noch abgerufen werden, um in der Leitstelle zu unterstützen. Ich verabschiede mich zur Bereitschaftszeit um ihm die nötige Ruhe für die nächsten Stunden „am Tisch“ zu gönnen. Von 19 Uhr bis 3 Uhr am Morgen wird er wieder dort sein. Was bleibt, ist absoluter Respekt und Anerkennung für einen jungen Menschen, der etwas ganz Besonderes kann: Ein Leben retten am Telefon.

Zuletzt geändert am Sonntag, den 28. August 2016 um 22:35 Uhr