Motorradfahrer (33) bei Unfall lebensgefährlich verletzt

Montag, den 11. September 2017 um 15:09 Uhr Verfasst von  Matthias Böhl
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Mit dem Rettungshubschrauber wurde der schwer verletzte Kradfahrer ins Krankenhaus geflogen. Mit dem Rettungshubschrauber wurde der schwer verletzte Kradfahrer ins Krankenhaus geflogen. Fotos: Matthias Böhl

DIEDENSHAUSEN. Lebensgefährlich verletzt wurde gestern ein 33-jähriger Motorradfahrer bei einem schweren Verkehrsunfall im Wittgensteiner Land. Er wurde in ein Siegener Krankenhaus geflogen.

Immer wieder kommt es in den kurvenreichen Steigungs- und Gefällestrecken in Wittgenstein und auch im angrenzenden Sieger- oder Sauerland zu schweren, leider oft auch tödlichen Verkehrsunfällen - insbesondere mit Motorrädern.

Die Strecken im Wittgensteiner Land
Die engen Kurven, die Steigungen und auch die gut ausgebauten Straßen - das alles sind Zutaten, die auf viele Zweiradfahrer den Reiz ausüben, den sie leider allzu oft mit ihrer Gesundheit oder dem Leben bezahlen. "Dieser Kick, wenn Du auf 200 Sachen bist, oder noch mehr, ist unbeschreiblich", hatte ein Motorradfahrer an einer anderen Einsatzstelle einmal im Interview gesagt. Wie es am Sonntag zu der zu schnellen Fahrt des jungen Mannes aus dem Ruhrgebiet kam, ist nicht bekannt. Vielleicht waren es auch hier die gefährlichen Reize, die zu dem folgenschweren Unfall führten. Vielleicht aber auch die Tatsache, dass sich die Kradfahrer hier nicht auskannten, und die verhängnisvolle Linkskurve im Waldstück einer langen Geraden folgte und so trotz entsprechender Warnschilder nicht einzusehen war.

Die Strecke auf der L 717 zwischen Bad Berleburg und Diedenshausen, auf der der Unfall passierte, gehört normalerweise weniger zum Unfallschwerpunkt schwerer Motorradunfälle. Trauriger Spitzenreiter im Kreisgebiet ist die B 62 zwischen dem Netphener Ortsteil Afholderbach und dem Abzweig nach Kreuztal. Aber auch darüber hinaus kommt es in Richtung Wittgenstein und in Richtung Hilchenbach immer wieder zu schweren Unfällen rund um die so genannte "Applauskurve". Weitere unfallträchtige Strecken für Motorradfahrer sind die B 62 zwischen Erndtebrück und Bad Laasphe, die L 553 von Aue in Richtung Rhein-Weser-Turm, die B 480 zwischen Bad Berleburg und dem Albrechtsplatz oder die B 236 von Albrechtsplatz in Richtung Schmallenberg-Oberkirchen.

Die polizeilichen Maßnahmen
Die Hauptursache für schwere und schwerste Verkehrsunfälle mit Verletzten und Toten ist an oberster Stelle mit Abstand die überhöhte Geschwindigkeit. Deshalb werden von der Polizei immer wieder gezielt Geschwindigkeitskontrollen durchgeführt, um die Hauptunfallsursache effektiv und nachhaltig zu bekämpfen. Es gibt sogar spezielle Sondereinsätze zum Schutz der Kradfahrer. Manchmal gehört es dazu auch, die Fahrerlaubnis besonders penetranter Raser längerfristig einzuziehen.

Im Vorfeld an diese polizeilichen Einsätze sind bereits andere Maßnahmen ausgeschöpft worden, die bisher keinen durchgreifenden Erfolg hatten. Ein Überholverbot mit doppelt durchgezogener Linie über mehrere Kilometer Strecke, oder Bodenschwellen brachten die meisten Fahrer - insbesondere Motorradfahrer - bisher nicht dazu, ihre Geschwindigkeiten zu verringern. Immer wieder kam es wegen Überholens im Verbot zu schwersten Unfällen, bei denen Motorradfahrer unter entgegenkommende Fahrzeuge rasten. Zum Schutz der Biker wurden die Leitpfosten unter den Leitplanken verblendet, um einen Aufprall auf die massiven, einbetonierten Pfosten oder Amputationsverletzungen an den bei hohen Geschwindigkeiten scharfkantigen Leitplanken zu verhindern.

Leider werden all diese Maßnahmen und die Polizeikontrollen von vielen Verkehrsteilnehmern belächelt oder als Abzocke gedeutet. Dass es hier einzig und allein darum geht, zu verhindern, dass Familien auf der Straße zerrissen werden - diese Erkenntnis hat sich keineswegs überall durchgesetzt.

Der Unfall am Sonntag auf der L 717
Der junge Kradfahrer aus dem Ruhrgebiet war in einer Gruppe von etwa 20 Motorradfahrern auf der abschüssigen L 717 von Laibach in Richtung Diedenshausen unterwegs. Am Ende einer Geraden, kurz vor dem Diedenshäuser Ortseingang fuhr der Mann geradeaus, statt einer Linkskurve zu folgen. Die meterlange Brems- und Blockierspur zeugte noch vom verzweifelten Versuch, den Einschlag in die Leitplanken zu verhindern. Vergeblich. Der Aufprall erfolgte mit voller Wucht. An der Unfallstelle deutet eine große Beule in der Leitplanke von der Schwere des Unfalles. Nach dem Überschlag und dem Einschlag in die Leitplanken fliegt die Yamaha des jungen Mannes durch die Luft und landet schließlich auf dem verunglückten Fahrer, der auf der Straße liegt.

Die Biker
Die Motorradfahrer am Sonntag waren in einer größeren Gruppe von etwa 20 Fahrern unterwegs. Der junge Mann, der den folgenschweren Unfall hatte, war zum ersten Mal dabei. Die Motorradfahrer reagierten auf den Unfall unterschiedlich. Bereits einige Kilometer vor der Unfallstelle, in Höhe des Gasthofes "Erholung" auf dem Laibach, leitete bereits einer der Fahrer den Verkehr ab. "Da oben ist ein schwerer Motorradunfall passiert. Du musst leider umdrehen", wandte er sich freundlich an mich. Nachdem ich erklärt habe, warum ich da bin, kamen wir kurz ins Gespräch. "Der Heli ist gerade angekommen", erklärt er mir. Ob er in diesem Moment bereits weiß, wie es um seinen Mitfahrer steht? Das weiß ich nicht.

Kurz vor der Unfallstelle - Hubschrauber und Streifenwagen sind bereits zu sehen - steht ein weiterer Kradfahrer und sperrt die Straße zusätzlich ab. Er ist wortlos. Beobachtet das Gespräch zwischen Polizeibeamten, Hubschrauberpilot und mir. Seine Augen sind voller Angst und Sorge um den Mitfahrer. Gesagt hat der Mann das nicht, aber man konnte es unmissverständlich erkennen. Seine Körpersprache passt zu meinen Empfindungen.

Wenige Meter weiter kämpfen die Rettungskräfte im Rettungswagen um das Leben des Mannes. Die größte Gruppe der Kradfahrer steht unterhalb der eigentlichen Einsatzstelle, gerade so noch im Sichtfeld vor der nächsten Kurve. Ein Kollege der Tageszeitung ist schon da. Die Bikergruppe möchte ihn daran hindern, ein Foto von der Einsatzstelle zu machen - wohlgemerkt ohne den Verletzten, der sich bereits im RTW befindet. Die Polizeibeamten machen klar, dass hier Pressefotos gemacht werden dürfen. Die Biker waren vielleicht betroffen. In jedem Fall besorgt um das Unfallopfer. Für mich durchaus legitim, dass sie da aufbrausend gegenüber der anwesenden Presse - auch mir - reagieren. Vielleicht auch eine Art des Schutzmechanismus. Ein Ablassventil für das Erlebte und das, was ihnen noch bevorsteht. Legitim aber hingegen auch, dass die Einsatzstelle fotografiert wird. Die Presse verfolgt neben einem Informations- auch einen Aufklärungsauftrag. Wird nicht umsonst die vierte Gewalt genannt. Und, ganz entscheidend: Es wird immer nur in engster Absprache mit der Polizei vor Ort gearbeitet. Erst, wenn von da das "Go" kommt, wird fotografiert. Und vorher passiert nichts. Das funktioniert schon seit rund 25 Jahren ohne Probleme.

Der verletzte Kradfahrer
Bei dem Überschlag, dem Einschlag in die Leitplanken und bei dem Aufprall der schweren Maschine auf den Körper des Fahrers wurde dieser lebensgefährlich verletzt. Er war bei der Versorgung durch die Rettungskräfte nicht mehr ansprechbar.

Bei diesem so genannten Hochrasanztrauma - in diesem Fall einem Abbremstrauma - wurde der Körper des Mannes von einer sehr hohen Geschwindigkeit ganz abrupt durch den Aufprall auf die Leitplanken auf Null herabgebremst. Allein dieser Mechanismus führt bereits zu schwersten, lebensgefährlichen Verletzungen. Zusätzlich hierzu kam der Einschlag der mehrere hundert Kilo schweren Maschine. Hier zeigt sich leider in der schlimmsten Art und Weise, wie zerbrechlich der menschliche Körper in solchen Situationen doch ist. Der junge Mann erleidet ein so genanntes Polytrauma. Ganz grob gesagt ist das eine Kombination vieler Verletzungen auf einmal, bei der mehrere Körperhöhlen betroffen sind und mindestens eine der Verletzungen, oder deren Kombination lebensbedrohlich ist.

Der Mann wurde nach der Versorgung vor Ort mit dem Rettungshubschrauber in eine Klinik der Maximalversorgung geflogen.

Die Einsatzkräfte
Mehrere Polizeibeamten der Wache Bad Berleburg, der DRK Rettungsdienst aus Laisa und die Besatzung des Siegener Rettungshubschraubers "Christoph 25" waren im Einsatz. Die RTW-Besatzung und das Team des Hubschraubers versorgten den Mann vor Ort und stabilisierten ihn soweit, dass ein Flug mit dem Hubschrauber möglich war. Dazu wurden dem Patienten Venenzugänge gelegt, über die Schmerzmittel, Narkosemedikamente und Flüssigkeit verabreicht werden konnte. Nach Einleitung der Narkose wurde dem Patient ein Plastikschlauch in die Luftröhre gelegt, der eine kontrollierte Beatmung über eine tragbare Beatmungsmaschine erlaubt. Diese Versorgung erfolgt bei solch komplexen Verletzungen nach einem speziellen Traumaschema und ist bei allen Patienten mit diesen schwersten Verletzungen gleich gelagert. Außerdem werden die Patienten immobilisiert, das heißt, ihre Wirbelsäule wird mit einer Halskrause und einer Vakuummatratze oder einem Spineboard (spezielles Rettungsbrett mit Gurtsystem) fixiert und gegen weitere Erschütterung geschützt.

In Verdachtsfällen wird vor der Immobilisation ein so genannter Beckengurt angelegt, der beim Unfall eventuell gesprengte Beckenschaufeln wieder zusammendrückt. Hintergrund ist, dass im Becken selbst große Blutgefäße verlaufen, die bei derartigen Unfällen einreißen und zum Verbluten führen können. Durch den Beckengurt werden sie komprimiert und die Blutung verlangsamt, im besten Fall gestoppt. Während die Mediziner diese und weitere Maßnahmen ergreifen, bereitet der Pilot, der seine Maschine auf der Straße gelandet hatte, bereits den Hubschrauber für den Transport vor.

Die Polizeibeamten vermessen die Spuren des Trümmerfeldes an der Unfallstelle, um die gefahrene Geschwindigkeit, eventuelle technische Mängel und schließlich die Unfallursache zu ermitteln. Währenddessen startet Christoph 25 mit seinem Patienten in Richtung Siegen. Im dortigen Jung-Stilling-Krankenhaus ist die Besatzung schon angemeldet. Das haben sie von der Unfallstelle aus über die Leitstelle abwickeln lassen. Der RTW fährt nun wieder leer zurück zur Wache. Einsatzbereit ist er nicht - das Material wurde zu einem Großteil für die Notfallversorgung aufgebraucht.

Eine Blutlache auf der Straße wird mit einer Flasche Mineralwasser weggespült. Die Gedanken bei allen Helfern - ob Hubschrauberbesatzung, RTW-Team oder Polizeibeamten - bleiben, einfach wegspülen lassen sie sich nicht.

Zuletzt geändert am Dienstag, den 12. September 2017 um 09:29 Uhr